Und mit den Schriftstellern kamen die Tränen …

Juli 15th, 2011 § 3 Kommentare

Es könnte die Stunde der Schriftsteller sein. Ist es aber nicht … es ist eher die Stunde der Clowns, wenn nicht der tastenbewegenden Strippenzieher im Hintergrund. Nicht mehr der Gentleman mit der Pfeife im rechten Mundwinkel konfiguriert unser Denken, sondern der schwitzige Nerd in der Dunkelkammer. Wir können zwar mehr Meinungen kloppen denn je. Aber die Hauptrolle spielen die Codes. Ich mache mir keine Illusionen: Die Ästhetik der Website hier ist wichtiger als die Wörter, die ich darauf verteile. Wörter sind nur noch eine Frage von 1 und 0. Auf die Kombinationen kommt es an, aufs Auge. So einen Schriftsteller mit seinem Füllfederhalter auf der Marmortischplatte können wir zur Not auch per CGI generieren. Das Resultat ist zwar immer etwas echter als echt, aber das macht ja auch nichts. Auch die Literatur war ja immer einen Tick zu echt, zu unverpisst, zu unverschissen, zu unverfickt. Da fehlte der Achselschweiß, der Mundgeruch. Die Geilheit hinter den Augen des großherzigen alten Mandarins. Gestern fragte ich mich, während ich so einen Youtube-Film ansah, in dem Vilayanur Ramachandran, der berühmte Neuroforscher, das Capgras-Syndrom erklärte, warum das menschliche Gehirn überhaupt den Roman hervorgebracht habe. Wie Ramachandran ganz treffend sagt: Drei Pfund neuronales Gelee, warum denkt sich das Dialoge aus, plagt sich mit Interieurbeschreibungen ab, sucht nach dem mot juste für das Aufknüpfen von Schnürsenkeln oder die Farbe frischen Blutes (beliebige Beispiele)? Und dann saß im ZDF später, nach einem Film über die autistische Schwester einer berühmten französischen Schauspielerin (nicht Arte, sondern DVD), noch Bill Gates. Und wie ich mir diesen Typen ansah, gegen den man ja gar nicht groß etwas einwenden kann, außer vielleicht, dass er die Dämonie des bürokratischen Geistes in Reinform zu verkörpern scheint — da dachte ich mir, dass wir tatsächlich in einem ziemlich kafkaesken Universum leben. In dem man 56 Milliarden Dollar (Quelle: Justus Jonas) verdienen kann, weil man ein Unternehmen mit dem heimtückischen Namen “Microsoft” (griechisch-englisch: klein[&]weich) gründet. In dem man Programme schreibt, die auf einem Bildschirm einen Notizblock simulieren. Auf dem man, mittels einer Schreibmaschine, Schriftzeichen anbringen kann. Die dann, nach dem nächsten Computerabsturz, leider rettungslos verloren sind, es sei denn, man hat ans rechtzeitige Back-up gedacht. Oder alles ins Internet gestellt. Das, um die Pointe noch zu liefern, von Google verwaltet wird. Oder kontrolliert. Und Google kauft sich die klügsten Köpfe auf. Bietet ihnen unnachahmlich komfortable Arbeitsbedingungen. Und das nur, damit die User auf jede Anfrage hin unvermeidlich zum Blogozentriker geleitet werden. Wo sie sich an einem makellosen Layout erfreuen können.

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§ 3 Antworten auf Und mit den Schriftstellern kamen die Tränen …

  • phorkyas sagt:

    Jo mei, so isser der Mensch. Zieht sich und seine Gedanken an irgendwas empor. Symbole überall….
    Der letzte Liter Roter war nix gut für meine graue Matsche.. Aber “Roman”: War es nicht so, dass zu Anfangszeiten dieser Illusionsmaschine, es diese Kassandrarufe gab, das würde die Leute in fremde Welten locken, so dass sie die Realität schließlich nicht mehr richtig sehen würden – ich wünsche mir ja umgekehrt irgendeinen poetischen Störfilter draufzutun, der mir die Realität irgendwie erträglich machte. Die Matrix, die mir die Codef(r)ickler dann schenken werden, ich hab ja so meine Bedenken, dass da eine reichhaltige Illusion entstünde… Oder wie Tarrantino sachte: This CGI bullshit is the death knell of cinema. If I’d wanted all that computer game bullshit, I’d have stuck my dick in a Nintendo.

  • Rattan Quentino sagt:

    Um es mit kulturpessimistischem Vibrato zu sagen: Unbestreitbar sind die Möglichkeiten, die Fiktionalisierung voranzutreiben, in den letzten Jahren auf technischem Wege ungeheuer potenziert worden. Aber gleichwohl: Auch Madame Bovary lebte in einer Scheinwelt, mehr oder weniger hermetisch, völlig ohne Nintendo. Insofern kann man auf den ganzen “CGI bullshit” auch gleich verzichten? These: Wir Menschen sind dermaßen realitätsunfähig, dass wir auf technische Hilfsmittel nun wirklich nicht angewiesen sind! — Und ich meine, wenn ich diesen ganzen movie bullshit gewollt hätte, hätte ich meinen Pimmel gleich in einen Projektor gestopft, richtig? Die Filme läuten dem Roman die Totenglocke!

    • phorkyas sagt:

      Irgendwie wollte ich das auch schon schreiben, (oder) dass es ja gar keine Realität gebe — aber dann kam mir das doch irgendwie zu postmodern vor. Dabei bin ich wohl auch langsam in dieser nichtexistenten Epoche angekommen und zucke über die Totenglocken nur noch mit den Schultern. Die eine Kulturtechnik geht, andere werden kommen oder sind schon da…
      (Dabei ists schon nett mit der Papier- und Wortgläubigkeit.. aber bildgläubig waren wir doch auch schon immer?)

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