Erlösung auf leisen Sohlen, mit einer Träne im Augenwinkel

Juli 18th, 2011 § 2 Kommentare

Wie viele Jahre haben Sie die Literatur betrieben? Zehn? Fünfzehn?
Eher zwanzig.
Zwanzig Jahre?
Ja.
Eine lange Zeit.
Es war mein Lebensinhalt, auf einer Ebene.
Da haben Sie viel investiert, in dieses Begehren, wie Sie es nennen. Das ist eine gewaltige Investition an Lebenszeit, die Sie da getätigt haben, Herr Muld.
Das waren aber immer nur destruktive Impulse, im Grunde.
Sie wollten etwas wegschreiben, ist das so?
Überschreiben, vielleicht. Das ist vielleicht der richtigere Ausdruck. Ich brauchte einen Arche-Text, wie es mitunter genannt wird in der Wissenschaft. Eine Vorlage, eine Folie, an der ich mich abarbeiten konnte.
In Form von Parodien?
Ja, oder von Fortschreibungen, Weiterschreibungen … oft waren es unbewusste, nur halb erklärte Parodien. Das hatte für mich auch schon mal eine ganz ergreifende ernsthafte Qualität, was ich schrieb.
Und diese Arche-Texte, wie Sie sagen, die wollten Sie durch Ihr Schreiben ihrer Macht berauben?
Ich kann es nicht genau erklären, sagt der gescheiterte, verhinderte Autor, aber so etwas in der Art, ja.
Deswegen sprechen Sie bei aller Ergriffenheit von Destruktion?
Ja.
Wie muss ich mir das vorstellen. Sie lasen z. B. FAUST II, es gibt da von Ihnen ja dieses Fragment, diese biographische Skizze, in der Sie …
Da wurde mir klar, was mit mir los war, ja.
Da war plötzlich dieses Begehren in Ihnen da, den Text auszulöschen, Goethes Text?
Einen eigenen FAUST II zu schreiben, richtig.
Was aber …
Was aber vollkommen größenwahnsinnig gewesen wäre, natürlich. Man kann ja gegen Goethes Texte nicht anschreiben. Goethe ist ja der König, das ist ja der Sonnenkönig der Literatur. Und doch wollte ich, von den Phorkyaden ausgehend, alles revidieren. Den ganzen FAUST-Stoff umkrempeln.
Und da spürten sie, sagt der Interviewer, dass etwas nicht stimmte?
Das war einfach nicht mehr gesund. Der gescheiterte, verhinderte Autor greift zu seinem Aperol-Spritz und nimmt einen tüchtigen Schluck. Ein bisschen, sagt er, war es auch eine Erlösung. Sich das eingestehen zu können.
Dieses Verlangen?
Nein, das Scheitern.

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§ 2 Antworten auf Erlösung auf leisen Sohlen, mit einer Träne im Augenwinkel

  • jovan haut sagt:

    Es gibt keinen literarischen Sonnengott. Sondern nur literarische Kleingeister, die einen solchen papagaienhaft proklamieren und zementieren. Dagegen anschreiben kann man immer. Nur: dann muss man einen adäquaten Inhalt haben. Den Treibstoff quasi. Ohne Inhalt geht gar nix. Auch kein Sonnengott. (Form allein reicht nicht…) Und ausserdem sind 20 Jahre schnell um. Soviel passiert im Leben nicht, dass hier von ernsthaftem “Lebenszeit”-Verlust die Rede sein könnte…

  • Soviel passiert im Leben nicht, dass hier von ernsthaftem „Lebenszeit“-Verlust die Rede sein könnte…

    Wenn man davon überzeugt ist, dann wäre es ein echter Trost (ich fürchte nur, ich sitze immer noch zu tief in der Moderne).

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