Leipziger Literaturmesse
Juli 27th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Menschen, die schlagen, sagen nicht Schwulibert, sagt er zu mir.
Er hat mir eine E-Mail geschrieben, und ich bin seiner Einladung auf einen Drink gefolgt. Man muss sich um seine Leser kümmern. Seine Orthographie hat zwar die schlimmsten Befürchtungen in mir erweckt, aber dann sagte ich mir: Bestimmt ist es nur ein Vorurteil, dass man einen Geisteskranken an seinen Stilblüten erkennt! Und ich klickte das „Antworten“-Feld an und tippte: Okay. Mehr nicht. Ich will mich ja auch nicht erpressbar machen … dafür hab ich zu viele üble Erfahrungen gemacht in den letzten Jahren. Menschen, deren überschwängliche Herzlichkeit von jetzt auf gleich in schäumenden Hass umkippte. Manierismen ohne Manieren.
Als ich in die „Pilsstube“ am Leipziger Bahnhof komme, hat er bereits sein drittes Weizenbier auf dem Tresen. Die Luft ist verräuchert, die Glücksspielautomaten blinken fröhlich. Die Depression, die von diesem Arrangement ausgeht, ist ungeheuer.
Er nennt sich Lucky und hat ein Päckchen „Lucky Strike“ vor sich liegen. Darauf ein Feuerzeug mit DMAX-Branding. Schon das zeigt natürlich, aus welchem Holz seine Phantasie geschnitzt ist. Nicht gerade Tropenholz. Dafür setzt er gerne die Axt an, wie ich merke:
Irgendwie hast du uns gerade nicht so viel zu sagen, oder? Er wendet sich mir zu; sein Blick ist leicht glasig. Wahrscheinlich hat er vor den drei Bieren hier in der „Pilsstube“ schon ein bisschen was zu sich genommen. Er ist auf Krawall gebürstet, dabei aber felsenfest überzeugt, die Freundlichkeit in Person zu sein. Ganz vernünftig. Ruhig argumentierend.
Fünf Jahre Ehe bringen nicht so viel zum Erzählen, fährt er fort. Du willst vielleicht weinen und trotzdem cool sein, aber, Alter: Du bist ein Mittdreißiger, der sich selbst gerne in einem Meer aus selbstbemitleidendem Zynismus ertrinken sehen würde. Er schüttelt den Kopf: Das ist nicht cool.
Ich gebe etwas von mir, das in etwa besagen soll: Na, na, das ist aber jetzt etwas hart. Immerhin handelt es sich bei dem Text erkennbar um Ironie! Außerdem würde ich das nicht unbedingt als handwerklich saubere Literaturkritik bezeichnen, was Sie da …
Er lässt mich natürlich nicht ausreden. Er ist hier, um sich reden zu hören: Du willst wieder ein bisschen was spüren, die Leere ein bisschen füllen? Mach was kaputt. Am besten dich selbst, ein kleines bisschen. Spiel nicht Squash, noch nicht. Lass erst mal alles raus und geh saufen. Ficken. Abstürzen. Drei Wochen, mindestens.
Ich sage jetzt nichts mehr. Squash spielen? Wie kommt er auf so was? Das einzige Mal, dass ich einen Squashschläger in der Hand hatte, war, als ich damals diesen maskentragenden Psychopathen aus der Ferienwohnung meiner Ex-Frau geprügelt habe … Ich gebe der Bedienung, einer desolaten Blondine mit ausladendem Unterleib und klebrigem Pferdeschwanz, ein Zeichen, dass ich gerne zahlen möchte. Sie gibt mir ein Zeichen des Einverständnisses.
Lucky sagt: Zerstöre, was noch übrig ist, und fange dann auf solidem, glattem Boden wieder an.
Ich werfe einfach einen Fünf-Euro-Schein auf den Tresen. Jetzt die Münzen zu sortieren, habe ich keine Lust. Scheiß doch drauf, denke ich. Ich denke: Wenn ich mir jetzt noch das Trinkgeld von dieser Tussi geben lassen, hakt er sofort ein, dann hat er mich. Dann hat er mich an seiner Angel!
Danke für den Tipp, sage ich. Was du sagst, macht Sinn.
Er wendet sich mir zu. Seine Hand sucht meinen Unterarm; ich bringe ihn schnell hinter meinem Rücken in Sicherheit. Auf seinem Handrücken sehe ich noch eine Tätowierung, einen grünlich blauen Skorpion mit zerlaufenden Rändern.
Ich lächele, nicke und dreh mich um. In meinem Rücken höre ich noch (aber es ist, glaube ich, schon gar nicht mehr an mich adressiert):
Und ja: Ich sag das, weil das mehr Unterhaltung verspricht.