Bob, Dad, ich und viele, viele andere
Juli 29th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Dr. Spielvogel nahm vorsichtig die Brille von seiner Nase. Er schaute bekümmert drein, bedachte uns mit einem gleichsam abgeblendeten Blick — aber vielleicht war es auch nur professionelle Reserve. Ein Schutzwall zwischen seinem Selbst und den demoralisierenden Erkenntnissen, die er tagtäglich zu verkünden hatte.
Er sagte: Bob Macha ist selbstverständlich geistesgestört! Um diesen Befund kommen wir nach eingehender psychologischer Untersuchung nicht herum. Seine Brille behutsam zwischen den Illustrierten auf dem Tischchen zwischen uns ablegend, fuhr er fort: Herr Macha hält sich offenbar wirklich für den Herausgeber einer Zeitschrift mit mehreren Angestellten. Besonders häufig nannte er Namen wie “Nettie Moore”, “Johnny Kröger”, vor allem aber “Georg”.
Ich presste Mutters Hand. Tränen schwammen auf ihrem unteren Lid. Ich lächelte ihr zu, doch sie sah schnell zur Seite.
Nach dem Tod von Vater, sagte ich, auffällig stockend, also, nachdem unser Vater tot war, gestorben ist, gewissermaßen, sozusagen das Zeitlich gesegnet hat.
Dr. Spielvogel griff nach seiner Brille. Ein neuer Ausdruck zeigte sich auf seinem Gesicht. Neugierde.
Ja, sagte er gedehnt.
Er setzte sich die Brille auf. Sah mich an.
Also, sagte ich, Bob, mein Bruder.
Ihr Bruder, ja. Dr. Spielvogel nickte. Er warf einen Blick auf meine Mutter.
Mutti hatte den Kopf gesenkt.
Ja?, wiederholte der Psychologe. Es war eine Aufforderung, fortzufahren.
Nun, also, für Bob war das ein schwerer Schlag. Einerseits eine Erleichterung — er und unser alter Herr hatten kein besonders gutes Verhältnis, wenn man so sagen kann. Insofern stellte es wohl für Bob — er hat das auch mal zu mir gesagt, das sag ich jetzt nicht nur so ins Blaue hinein — es stellte eine Befreiung dar. Zugleich jedoch warf ihn der Tod von Papa, also von Vater, auch aus der Bahn. Er kam damit nicht klar. Er hätte gern so vieles noch mit ihm besprochen … geklärt, wenn man so will.
Mutter entzog mir ihre Hand. Ich empfand ein Gefühl der Bestürzung.
Vieles ist in unserer Familie nie ausgesprochen worden, sagte ich, schneller redend. Da gab es z. B. diese Anfälle, die Bob hatte. Panikattacken, dann auch Schreikrämpfe. Einmal lief er durch das Haus und behauptete ganz ernsthaft, er sei der wiedergeborene Hitler.
Der wiedergeborene Hitler?
Dr. Spielvogels Augen blitzten auf hinter den großen runden Brillengläsern.
Ich hörte Mutter stöhnen.
Ja, sagte ich, unnötig laut, er hielt sich für Hitler. Er hielt sich auch mal für Idi Amin, und auch für Robert Mugabe. Er hielt sich für Charlie Chaplin, für Ernest Borgnine, Bob Dylan und Pete Seeger. Obwohl er nicht mal Gitarre spielen konnte. Er erklärte mir eines Tages seelenruhig — ich schrie inzwischen, fiel mir auf –, er erklärte mir, er sei Mahatma Gandhi, ich solle aber gern Platz behalten, er sei nur auf der Durchreise. Morgen werde er als Tschechow zurückkehren. Und warum?
Dr. Spielvogel sah mich bestürzt an.
Warum?, fragte er leise.
Weil er, kreischte ich, DER KIRSCHGARTEN gelesen hatte! Begreifen Sie? Das ist Bob! Er liest ein Scheißtheaterstück und hält sich gleich für den Verfasser! Ich sprang auf. Bob ist geisteskrank, ganz genau, wie Sie sagen!
Ich sank erschöpft in meinen Sitz zurück.
Die Grünpflanzen aus Plastik in ihren monströsen Kübeln. Mutter starrte geradeaus, die Hände im Schoß verkrampft. Ihre Lippen bebten.
Nach einer Weile sagte Dr. Spielvogel mit seiner ruhigen, einfühlsamen Stimme: Was Sie sagen, erklärt mir einiges. Wissen Sie, Herr Macha, Frau Macha. Ich wollte Sie nicht beunruhigen. Aber Ihr Bruder, Ihr Sohn, hat mir vorhin zu verstehen gegeben, dass er sein eigener Vater sei.
Meine Mutter sank von ihrem Stuhl und breitete sich auf dem gebohnerten Klinikboden aus.
Na ja, sagte ich entschuldigend, mit tauben Fingern schon nach der alten Dame hinunter langend, mein Vater war kein einfacher Mann!
Dr. Spielvogel kratzte sich das Kinn und nickte.
Das sehe ich.