Die Stunde, da wir von der wahren Empfindung nichts wussten
Juli 31st, 2011 § 10 Kommentare
Die Salami war verzehrt, die Weinflaschen geleert. Aber der Müller hörte einfach nicht auf, mir zuzusetzen. Eines muss man zugeben: Er ist hammermäßig gescheit. Und mit dem Hammer seiner Intelligenz hämmert er auf Sie ein. Sein Wienerischer Singsang, dieser Schmäh. Das war schon phantastisch. Aber ich merkte schon daran, wie er in mir herumbohrte, dass er mich inszenieren wollte in diesem Interview. Als großen Leidensmann. Was ich ja gar nicht bin. Ich hab Phorky und mete aus dem Folterkeller von Justine de Salad gerettet, rambomäßig Maschinengewehre in die Hüften gestemmt — also bitte, Leiden?
Ich bin nicht diese Art von Schriftsteller. Ich bin Hemingway-Schule. Der hat mal ein Klosett zerschossen, mit einer Maschinenpistole, nach dem Einmarsch in Paris. Der war genauso verrückt wie ich, danke sehr.
Aber der Müller. Der Müller hörte nicht auf. Endlich fand er dann doch noch meinen wunden Punkt. Das war vielleicht auch nur ein Zufallstreffer, weil er mich nach meinen Kollegen befragte. Ich äußerte mich nur hochherzig und voller Achtung. Ganz Politiker.
Dann aber platzte mir doch der Kragen, und ich rief:
Peter Handke — ein Ärgernis! Immer wieder ärgert man sich über den. Nicht nur, wenn er mal wieder über politische Themen im Stile Homers doziert. Auch wenn man seine Bücher liest. Dann denkt man oft: Das ist ja alles Mist! Aber es ist grandioser Mist! Und die Grandezza überwiegt den Mist. Es ist wenigstens echte Literatur, man weiß ja nicht, aber vielleicht ist Handke wirklich der letzte Don Quixote, ein Nachfahr Cervantes, der durch die Estremadura pilgert auf der Suche nach einem Stoff. Während die meisten anderen Kollegen schlechte Grammatik für ihren Stoff halten. Sich betont faktenorientiert geben. Journalismus im Dauer-Konjunktiv.
Hinterm Zaun sah ich einen Hund, eine Bulldogge, die mich superaggressiv anknurrte. Schaum lief aus der Schnauze. Hinter grünem Weinrebengeranke von Nachbars Garten. Ich zeigte dem Vieh den Fickefinger, und der Köter bellte noch einmal und zog dann ab.
Ich weiß noch, sagte ich, wie ich mit Peter Handke in den Familien-Skiurlaub fuhr.
Mit Peter Handke in den Familienurlaub?, staunte der Herr Müller.
Ja, was sind Sie nur für ein Idiot! Sie sind ja komplett begriffsstutzig, schrie ich. Natürlich mit einem BUCH von Peter Handke, Mensch!
Ah so, ja …
Das war mein erstes Literaturerlebnis. DIE STUNDE DER WAHREN EMPFINDUNG. Ich verstand nichts und empfand sehr viel. Man kann sagen: Handke zeigte mir, was Freiheit ist. Wahrscheinlich ist Freiheit nur die Freiheit, ein Ärgernis zu sein. Oder Freiheit ist der bewusste Verzicht aufs Verstehen, wenn man Verstehen versteht als Mitmachen. Gerade in einem Familienurlaub spielt diese Form des Verstehens ja eine große Rolle. Aber auch sonst besteht unser Gehirn ja nur noch aus lauter Knöpfen, die permanent von irgendwem gedrückt werden. So dass man immer denkt: Ah, ja, klar, oho, ja, klar, logisch, verstehe, hm, hm. Und einfach mal zu sagen: Ich bin der Idiot der Familie … das ist extrem entlastend.
Ich lehnte mich zurück. Kurz sah ich die Bulldogge hinterm Zaun hüpfen.
Das ist die Handke-Methode, sagte der Herr Müller, aber ich unterbrach ihn sofort: Wollen Sie jetzt mit mir reden, oder wollen Sie selber reden?
Ich muss doch auch mal was sagen dürfen, entschuldigen Sie!
Er ist sogar aufgesprungen, der Herr Müller. Hochpoetische Zeilen zu schreiben, die man Seite um Seite aber nicht aushält, erklärt er mir, das ist die Peter-Handke-Methode!
Ja, sage ich, schön, jetzt haben Sie gesprochen, Herr Müller, sehen Sie, und jetzt setzen Sie sich wieder hin, bitte.
Ich …
Bitte.
Er setzt sich, zerknirscht und wütend, und ich fahre fort: Bei Handke ist das Schreiben das Wesentliche, das Eigentliche des Textes. Das ist das Großartige an ihm. Verrückt aber, dass diese Sätze summiert werden zu einem BUCH, zu einem Roman. Das ist eine Lüge, so meine wahre Empfindung. Das sind keine Romane, das sind lauter Einzelsätze, die man am Computer hintereinander gefügt hat. Wie Gedichte, bei denen man die Zeilenumbrüche vergessen hat. Verstehen Sie das?
Aber natürlich!
Der Herr Müller ist eingeschnappt, in seinem hellen Anzug. Er hat die dünnen Arme vor der eingefallenen Brust gekreuzt.
Für mich sind die Wände meiner Wohnung ja auch nur antifaschistische Schutzwälle, sage ich versöhnlich. Plötzlich tut der Müller mir leid, und ich lege ihm die Hand auf die Schulter. Ich sage: Dabei liegt der Feind längst im CD-Player. Filmmusik. Wie ein Commerzbank-Analyst schreibt: “Es fehlt ein ausreichend großes Auffangbecken, um die Flucht aus dem sicheren Hafen der Treasurys zu ermöglichen.”
Wo haben Sie denn das her?
Aus der SZ, sage ich.
Da bekommt man ja Kopfschmerzen, von so einem Quatsch!
Sag ich doch, sag ich.
Wer schreibt denn nur so was?
Ein Analyst, halt, sag ich.
Ach, Handke… Du bist doch ein verkappter Hochfuilletonist (das hatt ich wohl bemerkt, bisher nur flissentlich ignoriert)
…Nur mit dem Hemingway, da kann ich (noch) nix anfangen. Manchmal zweifle ich ja ernsthaft an meinem Verstand/Geschmack. Wenn “Das weiße Band” bei mir so durchrasselt oder noch ordentlicher “Tree of Life”, und alle die beklatschen, dann frag ich mich, ob ich den Witz nicht verstanden hab, schaue, überprüfe und finde immer noch dass es ein Schmarrn ist. (Das “Weiße Band” war ja immerhin noch einigermaßen gut gemacht – diese patriarchale, dumpfe Dorfatmosphäre war schon schön dämonisch überhöht,.. aber für mich wars eben ein langweiliges Klischee – wohingegen “Tree of Life” ach, könnt ich vielleicht wieder schweigen?) Nu, Hemingway hab ja bisher nur “Farewell to Arms” gelesen und.. ich habs nicht gerafft: das war doch wohl ein Groschenroman oder was? Das einzig, interessante erschienen mir noch die Rotweine, die da versoffen wurden, die hätte ich mir mal merken sollen – sonst.. hatt’s mich wohl in nem ungünstigen Moment erwischt.. Vielleicht sollt ich als langweiliger, zahnloser Alter auch eher mit Handke wandern gehen als mit Hemingway Pissoire zerstückeln.
Gefällt mir, schön dicht.
Oder Freiheit ist der bewusste Verzicht aufs Verstehen, wenn man Verstehen versteht als Mitmachen.
Mitmachen, wie ist das gemeint? Mitmachen müssen (im Sinne von Determiniertheit)? Oder sich in den Diskurs des Verstehens begeben (was dann hieße: Sich freiwillig unfreiwillig zu machen)?
Mitmachen, nein, mete, ich meine das Unterbinden der Mitmach-Reflexe, z. B. bei Phorky: “Handke? Ah, Hochkultur! Hemingway hingegen? Trash für unsaubere Männer.” Was ja so eine Art geistigen Mitklatschens ist. Diese wirklich höchst ärgerlichen Assoziationsketten, in dem man gelegt ist, wenn man die sprengt: Dann erlebt man Freiheit. Das meinte ich. Dass ein totaler Idiot ja auch frei ist, weil er durch keine Rücksichten, keine Konventionen, kein gedankliches Eingespanntsein gebunden ist. Er ist einfach nur ein Idiot, eine Singularität, die eigenen, sinnlosen Gesetzen überbordender Schwachsinnigkeit folgt. Was wir “Verstehen” nennen, ist ja allzu oft einfach nur Denkträgheit aufgrund eingeübter mentaler Reflexe. “Ah ja, kenn ich” — der unbezahlbare Heinz von Foerster warnte ja genau vor diesem Pawlow’schen Reflex.
Ja, den Pawlowschen Kommentarreflex würd ich auch gern unterbinden, weil ich die meisten meiner Kommentare im Nachhinein auch schwer ertrage. Aber wie soll ich meine (innere) Kommentarwand durchbrechen, indem ich sie dir weniger vollseiere.. also schweige?
(Ja, es ist vor allem Selbstekel, dass ich lieber schweigen möcht´ als der Peinlichkeit meiner eigenen Gedanken ausgesetzt zu sein -
Hä? Ich sprach eher von einem INNEREN Vorgang! Diese automatische Assoziation von Handke und Hochkultur fand ich etwas rätselhaft, wenn gleichzeitig Hemingway ins Eck gestellt ward.
achso – das Hochfeuilleton bezog sich doch aber auf das Blogozentrum der Macht (ich wollte nur mal einen Gegenakzent setzen zu der viel zu oft verbreiteten Einordnung als Rampensauklitsche).
Vermutlich sind die allesamt Hochkultur Hemingway und Handke,.. Hochkultur is mir echt egal. (Vom Hemingway wollt´ ich auch nur ein Buch ins Eck stellen, vielleicht sollt ichs nochmal probieren, mein Vadder und meine Perle schwören ja beispielsweise auf ein paar Kurzgeschichten von ihm.)
(Sorry die alte Frau war wohl grad was indisponiert, auch weil sie das Internet voll schreibt und auf der Arbeit aber nicht einmal eine Graphik richtig positioniert bekommt.. §$%”"§#&@!-Scheißprogramm)
Lustig, Handke dürfte fast der einzige lebende Schriftsteller auf der Welt sein, der seine Sätze noch(?) nicht am Computer zusammenfügt – mangels Computer.
Don DeLillo schreibt angeblich auch mit einer Schreibmaschine.
Handke nur mit der Hand.
Rechts oder links?