Von jetzt an nur noch hochgeistige Texte!
August 2nd, 2011 § 5 Kommentare
Und nicht mehr diesen Bullshit …
Georg sah bei dem Wort „Bullshit“ streng zu Bob herüber, und der korrigierte sich sofort: Ich meine natürlich: diesen Groschenheftkram. Wir müssen endlich wieder auf einen seriöseren Kurs einschwenken. Ich sag’s, wie’s ist. Wir brauchen wieder mehr Feuilleton und weniger Pulp. Sonst springen noch die letzten Leser ab. Um es in eine Faustformel zu packen: Handke statt Hunter S. Thompson.
Bob trommelte mit seinen Daumen nervös auf der weißen Platte des Konferenztisches herum. Er schaute dumm aus der Wäsche, oder sagen wir lieber: extrem angestrengt. Ganz offensichtlich stand er gewaltig unter Stress.
Und du? Was ist mir deiner Rolle in unserer Zusammenarbeit?, fragte Georg, weil er merkte, dass Bob über einen ganz zentralen Punkt von sich aus nicht reden wollte.
Ich, äh. Richtig, mich gibt’s ja auch noch. Bob Macha hüstelte. Ich werde in den Aufsichtsrat wechseln. Um die Geschicke unseres Blattes in Zukunft mehr beobachtend zu begleiten. Er hüstelte erneut. Also, eigentlich werde ich eher nur noch beobachten und gar nicht mehr begleiten. Ein drittes Hüsteln, dann: Für mich war’s das, Freunde.
Dann ab, kommandierte Georg streng und ruckte mit dem Kopf in Richtung Tür.
Bob Macha stieß sich aus seinem face2buns hoch. Mit zitternden Händen verschloss er sein Sakko vor dem rundlichen Wanst. Und strebte daraufhin dem Ausgang zu.
Vergiss deinen Becher nicht!, rief Georg ihm nach.
Es war blanker Hohn. Macha blieb in der Tür stehen. Er blickte auf den Becher, BOB BLEIBT BOB stand darauf. An einem Schießstand auf der Kirmes gewonnen.
Ich hol ihn später ab, sagte er tonlos.
Okay.
Georg strich sich befriedigt über die Krawatte, ein rotes, langes Ding, das sich bis in seinen Schoß schlängelte.
Elias Z. Kaah war aufgesprungen und hatte hinter dem Textchef a. D. die Tür geschlossen.
Damit wäre das wohl auch geklärt, sagte Georg, sich über die Lippen leckend. Ich glaube, was die Neuausrichtung des Blogozentrikers angeht, dürfte es keine Fragen mehr geben? Oder möchte vielleicht noch jemand gehen? Nur zu! Draußen ist noch viel Platz.
Schweigen, reihum, am Konferenztisch.
Heimlich ließ Lutz, der Redaktionskasper, eine Nadel fallen. In das Getöse hinein wandten alle sich ihm zu.
Die Mannschaft war vollständig erschienen – und mehr als das. Auch die Freelancer, die schon seit Monaten keine Aufträge mehr erhalten hatten, waren Georgs Einladung gefolgt. Ex-Praktikanten sah man. Sogar Johnny Krögers Ex-Frau saß an einer Ecke und zeichnete bösartige Karikaturen ihres Ex-Mannes auf das eigens angeschaffte Notizpapier mit Blogozentriker-Logo.
Kommen wir also zum nächsten Tagesordnungspunkt, fuhr Georg fort, den das Schweigen zuhöchst befriedigte. Es war, sagte er, soeben die Rede von einem Blogozentriker-Logo – meines Wissens muss das jedoch erst hergestellt werden! Er schaute in die Runde. Gibt’s Vorschläge, wie wir aus diesem logischen Dilemma herauskommen?
Schluss mit dem Pulp, ja.
Aber gibt es nicht auch litterarischen Trash-Talk? Eben beim Pissen musste ich da an Platos Gastmahl denken. Geht’s da nicht auch erst ums Saufen, wer am meisten verträgt und auch darum wer die schönste Reden schwingen kann? Und gibt es nicht auch bei Flann O’Brians At Swim-two-Birds auch solche beschwingten Redenwettbewerbe (die Tragödien und Komödigen der Griechen, die Minnesänger,.. war das nicht auch schon immer Wort-Gebattle?)
Ach, aber das sind vielleicht nur wieder sinnlose Gedankenschnipsel….. Nicht dass unser Action-Trash-Talk schon mit oben genannten hätte konkurrieren können, wir müssten eben etwas trainieren (nicht die Leber) — oder du oder Bob schreibt ins Notizbuch eine richtige Menippean(ische) Satire oder nichts von alledem
Sensation: Fragment einer Menippos-Satire entdeckt!
(…)
Phorkeus! Was treibst du denn da?
Ich? Na, was schon! Ich PISSE! Warum sollte ich wohl sonst aufs Klo gehen während eines Gastmahls?
Ja, aber … du hast uns doch schon vor einer Viertelstunde verlassen, o Freund?
Ah, ich brauch immer so lang, bis ich meinen Lümmel aus der Hose geholt habe, deshalb …
Musst du den da mühsam rauszupfen, weil er so kurz ist, oder wie?
Kurz? Phorkeus wandte sich Bobos zu.
Oho! Was ist DAS? Eine Anaconda?
Nee – er hatte höchstens schon mal mit Anna Condakt, hahaha!
Die zwei Spitzbuben schütteten sich aus vor Lachen, Phorkeus mit strammem Strahl die Badezimmerfliesen nässend.
Mal langsam zurückgehen?, fragte Bobos, als das homerische Gelächter anderntags zu einem operntauglichen Hüsteln abgeklungen war.
Zwar nämlich aber wohl gar (…).
Scheiße Mann, warum hab ich nur wieder “Pissen” gesagt? Bob und die anderen, die können hier immer ungestraft ihr Geschäft verrrichten.
Ach, sei doch still und struller weiter.
War doch klar, dass das dann wieder anfängt.
Was?
Na, dieses litterarische Trash-Talk-Schwanzvergleich-Genudel.
Wie? Wer den größeren Unsinn produzieren, die irrsinnigere Wortaktrobatik, die verfranstere Syntax und die abgedrehtere Semantik vorweisen kann?
So ungefähr.
(Als er seinen Hosenstall zuzippen wollte, verhedderte Phorzeus sich.)
Autsch!
Kleine Sünden bestraft der liebe Gott,..
Ja, ich weiß.
Hälst du jetzt endlich die Klappe?
Ja, Mann!
KLEINE Sünden kann man nun wirklich nicht sagen!
Halt bloß deine große Klappe!
Nicht nur meine Klappe ist groß.
Du bist ja wirklich besessen von deinem Ding!
Ist das ein Wunder? Bei DER Größe?
(Usw. Alles mit Bleistift geschrieben.)
Phorkyas blinzelt. Wer hat denn nun wieder was gesagt? Und wessen…? Irritiert und beschämt steht er etwas linkisch in der Ecke, während Bobos zufrieden die Hände in die Seite stemmt und über das Meer der Verwüstung blickt, das sie da angerichtet haben.
“Wenn ich auch ich auch noch…”
Ein kleines gedrungenes Männchen in altmodischem Tweed zupfte schüchtern an Bobos Ärmel.
“Ja, was ist denn?”
“Ich kam nicht umhin Ihrer Konversation zu lauschen, und da..”
“Ja, komm zur Sache.”
“Jetzt…”
“Du wolltest bestimmt was allgemeingeschichtliches zum Phallus und zum Anschwellen der Kultur und zum Bestätigung- und Liebesdurst sagen.”
“Ja…”
“Und..”
“Wie diese ganze ‘Kultur’ nur..”
“Aber dann war es dir zum Glück zu blöd.”
(Usf. Mit Füller. Linke Hand)