Tulpoman/ifest
August 7th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
für Maximilian Löwenstein
Mir wurde langsam klar, dass sie mich ausgebootet hatten, die zwei. Während ich herumsaß und wartete, hatten sie sich sicher den dicken Fisch an Land gezogen. Ich hütete im Zimmer das kostbare Objekt der Begierde, und sie ließen auf den internationalen Tauschmärkten die Spekulation wilde Blüten treiben. Durch blassweiße Spitzenstores blickte ich ab und an hinaus auf leere Straßen.
Am Morgen manchmal quälte sich ein klappriges Mütterchen durch die Enge, unter Ächzen und Seufzen zum Markt. Das war aber auch schon das einzige Lebenszeichen – wenn dieser Ausdruck nicht schon zu hoch gegriffen ist. Um mir selbst ein Lebenszeichen zu geben, trank ich Schnaps. Nie, sage ich Ihnen, sollten Sie Provinzlern vertrauen! Zwar heißt es immer, Städter seien abgebrüht, und je größer die Stadt, desto kälter die Menschen und ihre Methoden. Aber in Wahrheit geht nichts über die Bauernschläue des eingefleischten Landmenschen. Diese kleinen Städte, was gedeiht in ihnen? Intrigen, Kabale, Ränkespiel. Heimtücke. Niedertracht. Etwas anderes hat man hier ja nicht, umgeben vom grünen Nichts unabsehbarer Felder. Man hat nur seine Schäbigkeit, die sich in die Schäbigkeit der Landschaft wunderbar einfügt. Darum gibt’s abends auch eimerweise Bier.
Wladimir hatte mir erzählt, da gebe es diesen Holländer, diesen Mynheer van Wetering aus Amsterdam. Der sei ein Tulpennarr, so fanatisch, dass er bereit sei, für eine spezielle Züchtung einen unvorstellbaren Preis zu zahlen – aus reiner Idiotie, aus Größenwahn – und weil er es sich leisten könne. So ein Typ sei das. Semper Augustus, hatte Wladimir gesagt, zu Deutsch: Immer der dumme August! Mit Software reich geworden, wolle van Wetering jetzt in Hardware investieren. In eine Tulpe. Welche Estragon, ein holländischer Freund, im Handumdrehen beschaffen könne, dank ausgezeichneter connections zu renommierten Tulpenzüchtungsbetrieben. Der Haken sei nur: Sie bräuchten dazu Startkapital. Und dann kam’s: Ob ich nicht eventuell geneigt sei, die mit dem Verkauf meines Romans erworbenen Kapitalien zu einem echten Vermögen zu machen? Gewissermaßen zu ihnen ins Boot zu steigen, das sie an die Goldküste bringen würde?
Oh, ich bin nicht reich. Denken Sie das nicht. Das Geld reichte gerade so hin, mein bescheidenes Autorendasein zu fristen. Begreiflich also, dass ich zögerte. Unbegreiflich, muss ich im Nachhinein sagen, dass ich mich dann doch darauf einließ. Mein Geld ist mir heilig – andererseits, so rang ich mit mir, wenn ich es stattlich vermehren konnte, mein Geld, wäre ich da nicht ein komischer Heiliger, wenn ich auf den stattlichen Zugewinn verzichtete? Bloß aus Feigheit, Zögerlichkeit, Konservatismus? Ich bekam Kopfschmerzen. Ich stellte mir vor, wie es wäre, sich einmal etwas leisten zu können. Wegzufahren. Nach Wien. Einen Urlaub, wenigstens einen kurzen, einen kleinen. Einen Trip mal nicht nach innen richten, sondern in die Umgebung – war das keine tolle Aussicht? Da gab ich mein Geld halt her.
Und sitze seitdem in dieser kleinen Kammer. Linse zwischen den bleichen Stores hervor. Gieße die Tulpe. Flüstere ihr Geschichten zu. Und frage mich, ob sie mich je abholen kommen, meine zwei Geschäftsfreunde.