23. Februar 2011

August 30th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Im 255. Stock des n+2 Tower. Friedlich fließt die Spree tief unten in die Außenalster, und Bert „Big“ Bruder schnauft. Er packt seinen Gürtel und zieht ihn über seine Wampe hoch. Er könnte heulen – und zugleich mit den Fäusten auf seinen Schreibtisch trommeln. Natürlich erweckt es keine Begeisterung in ihm, dass seine Jungs schon wieder Mist gebaut haben. Und dann noch auf diesem Niveau! Man muss Sorgfalt walten lassen, wenn es sich um Angelegenheiten von staatstragender Bedeutung handelt … keine Frage.
Keine Frage, nein.
Hier haben wir uns etwas vorzuwerfen, denkt Bert „Big“ Bruder – oder nein, er sagt es, sagt es laut zu dem Doppelgänger, der ihn aus der Fensterscheibe vor ihm traurig und mit leisem Ekel anblickt. Und wenn wir menschlich auch integer sein mögen – in der Sache haben wir gepfuscht. Das bedaure ich zutiefst.
Das sagt er wirklich, den Kopf senkend, und dann fragt er sich, ob er sie noch alle hat, und wendet sich brüsk ab von seinem Spiegelbild.
Gut, wir haben uns da einen Patzer erlaubt, schraubt er das Selbstanklageniveau gleich wieder herab. Was ihn wirklich fertig macht, ist die Schlamperei seiner Auftraggeber. Dass seine Texter allesamt Idioten sind, denen man in einer Tour auf die Finger klopfen muss, damit sie keine krummen Touren machen – geschenkt. Das kennt man, so ist die Branche. Aber wenn die hochgespannte Erwartung besteht, eine Doktorarbeit solle zusammengepfuscht werden, und dann noch über ein so verdammt verzwicktes Thema wie die Entwicklung der Verfassungsverträge in den USA und in der EU, dann muss man unsere Leute, denkt Big, innerlich bebend dabei vor Zorn, doch auch mal anständig briefen, Herrjeh, wenn man möchte, dass sie Großes vollbringen! Man muss denen doch wenigstens einen Hinweis geben, was zu tun ist. Letztlich wissen die doch noch nicht mal, was das Wort „konstitutionell“ überhaupt bedeutet!
Er wirft einen Blick auf diese Plage auf seinem Bildschirm, dieses Plagiatsblog, in dem genüsslich aufgelistet wird, nach und nach, wo seine Lieblingstexter sich freimütig bedient haben.
Pling, pling, pling, denkt er, ja, pling, pling, Scheiße! Und dann haut er den Screen seines Laptops mit einer Gewalt auf die Tastatur, dass das Gerät einen Schmerzenslaut von sich gibt, ein dumpfes Murren, das sofort in ein dysfunktionales Rattern übergeht.
SCHON HIER WURDEN KEINE EIGENEN WORTE GEFUNDEN.
Ist es denn ein Wunder, fragt sich der gewichtige, wichtige Mann, dass Bob und Georg einfach die NZZ plündern und die FAZ und was sonst so in den Regalen herumsteht, um 450 Seiten zusammen zu klauben? Das hätte ich doch haargenauso gemacht! Beinahe schreit Big es heraus, einer Segeljoppe dabei zusehend, wie sie um einen heran stampfenden Ausflugsdampfer einen Bogen macht.
Das Telefon biept oder fiept, bimmelt oder bammelt. Wie auch immer, er hebt ab.
- Ja, sagt er, ohne jede Betonung.
- Die Kanzlerin, sagt Nettie Moore.
Die Segeljoppe hat es geschafft, sie ist nicht gekentert, was den Leutchen auf dem Ausflugsdampfer sicher in der Seele weh tut. Was wären das für Fotos geworden!
- Ich bin nicht zu sprechen, sagt Bert „Big“ Bruder.

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