- … und hat mich gezwungen, das zu lesen.

August 31st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

- Seinen Roman?
- Roman? Ha! Das war irgend so ein … Krampfhaft avantgardistische Scheiße. Das trifft’s wohl eher. 300 Seiten, fast.
- Und er hat dich bedroht, ja?
- Hat mir, hat mir eine Pistole unter die Nase gehalten!
- Vielleicht war’s ja nur eine Spielzeugpistole?
- Spielzeug?
- Na, eine Attrappe, meine ich?
- Ich weiß nicht. Hättest du Lust gehabt, es darauf ankommen zu lassen?
- Nein.
- Ich hatte diese Neigung jedenfalls ganz sicher nicht!
- Versteh ich ja …
- Letztlich ist eine Pistole unter deiner Nase eine Pistole unter deiner Nase. Egal, ob sie nun ganz echt ist oder nicht.
- Klar, wie gesagt, ich versteh di …
- Und wenn er abdrückt, und sie WAR echt? Dann nützt es dir wohl gar nichts, dass es auch eine Attrappe hätte sein können, eventuell!
- Wie war er denn aber nur in deine Wohnung rein gekommen?
- Ja, keine Ahnung … er muss einen Dietrich gehabt haben!
- Seltsam … wenn ihr euch seit dem Studium nicht mehr gesehen habt …
- Na ja. Da gab’s schon noch mal ein paar Treffen. In Berlin. Während der paar Monate, die ich noch in Berlin gewohnt habe, bevor ich dann nach München gegangen bin. Da hab ich …
- Da habt ihr euch noch getroffen?
- Da haben wir uns noch ein paar Mal getroffen, das ist richtig.
- Aber das ist ja schon kriminell, dass der bei dir einbricht, sich Zutritt zu deiner Wohnung verschafft, und dich mit einer Schusswaffe bedroht!
- Der Typ ist nicht ganz dicht! Du hättest mal seinen Text lesen sollen …
- 300 Seiten, sagst du – das dauert ja aber auch seine Zeit?
- Das dauert, allerdings.
- Ist er denn nicht einmal aufs Klo gegangen?
- Was? Was hat das denn jetzt damit zu tun, ob er aufs Klo gegangen ist?
- Na, du hättest diese Momente doch nutzen können, um zu türmen?
- Du hast … Georg! Du hast ABSOLUT dilettantische Vorstellungen davon, was es heißt, in der Gewalt von einem Psychopathen zu sein, der mit einer Schusswaffe herumfuchtelt! Ich habe fast den Eindruck, du erfasst nicht ganz den Ernst der Lage, in der ich mich befunden habe!
- Doch, das tu ich, ganz sicher …
- Dann red nicht so einen Scheiß!
- Ich frag mich ja nur …
- Bist du je mit einer Waffe bedroht worden?
- Mit einer Waffe nicht direkt …
- Na, siehste. Dann halt dich auch …
- … einmal aber einem abgeschlagenen Flaschenhals!
- Mit einem … DU bist mit einem abgeschlagenen Flaschenhals bedroht worden?
- Ja, ja. In einer Seemannskneipe.
- Warum hast du dich denn in einer Seemannskneipe rumgetrieben?
- Das hab ich öfter getan, wie ich noch zur See gefahren bin.
- Du bist zur See gefahren?
- Klar, weißt du das nicht? Ich hab dir doch bestimmt schon mal von meiner Zeit als Walfänger erzählt?
- Du hast mir, nein! Du hast mir nichts dergleichen …
- Ach, komm! Wie mir damals in Grönland vier Zehen abgefroren sind? Die ich mir mit einem Küchenmesser abgeschnitten habe?
- Aber nein! Du hast kein Wort darüber … was?
- Das war eine elende Arbeit! Weißt du, so ein stumpfes Messer, mit dem man Butter aufs Brot streicht. Du kannst dir vorstellen, was für eine beschissene Arbeit das ist, mit so nem Ding abgestorbene Zehen zu amputieren …
- Nein, du hast nie …
- Das war eine Scheiße! Das Blut ist nur so herumgespritzt, weil ich den Knochen nicht richtig durchbekam …
- Und das ist auch wirklich alles wahr?
- Aber natürlich, ja! Wieso sollte ich mir so was denn ausdenken?

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