Der Drachentöter
September 1st, 2011 § 7 Kommentare
Dieses saublöde Gefühl, das alles irgendwo schon mal gelesen zu haben. Und nur aufgrund der eigenen Bildungsunfähigkeit, wegen dieser verstockten Bildungstrotzigkeit fällt einem partout nicht ein, WO man das alles schon mal gelesen hat! Im Feuilleton der FAZ? Oder der SZ? Oder vielleicht auch auf diesen entsetzlich öden Sekundärliteraturseiten, mit denen man während des Studiums so lange traktiert wurde, bis endlich der Schluss unvermeidlich war: Okay, wir schaffen die Geisteswissenschaften ab … Ich habe Siegfried Unseld noch erlebt, nach dem 50. Geburtstags des Verlages, der dann ja auch SEIN Verlag war, bevor er zum Verlag seiner Frau wurde, wie er an SEINEM Geburtstag auf und ab stapfte im Erdgeschoss des Lindenstraßenhauses und eine Rede extemporierte. (Ich komme darauf, weil im SPIEGEL gerade ein Foto von ihm zu sehen ist, mit lauschend geschlossenen Augen, und sofort ist diese Wehmut wieder da, dieses Verlustgefühl – geltend dem Verlust natürlich nicht des Verlegerpatriarchen, sondern der „Suhrkamp culture“ samt allem, was dazu gehörte, was natürlich auch der Verlegerpatriarch war.) Ich glaube, er erzählte noch einmal, warum er jeden Tag schwimmen ging. Weil ihm nämlich das Schwimmen, als er im Krieg vom Feind eines Tages seines Schiffes beraubt worden war, das Leben gerettet hatte. Das einzige, was er damals hatte tun können, war gewesen: weiter schwimmen. Wie der realistische Frosch aus dem Gleichnis, der so lange die Beine rührt, bis er feste Butter unter den Schenkel spürt. So war es auch dem Matrosen Unseld gegangen – sie hatten ihn irgendwann aus dem Wasser gefischt. Und in diesem Geiste müssen wir auch weiterschreiben, jeden Tag, unermüdlich, einfach als – vielleicht leere – Übung. Hohlformen schaffen, Hohlkörper, in die eines Tages dann doch, wer weiß, durch Zufall oder außerirdischen Beistand etwas einschießen wird. Wer weiß. Vielleicht.
Gemessen an dem, was ich hier bislang las, ist das mit Abstand der optimistischste Beitrag des gesamten Blogs, und das gefällt mir, obwohl ich in diesem Moment schon wieder ahne bzw. befürchte, dass mir genau diese Aussage gleich um die Ohren geschlagen wird.
Aber sei’s drum.
Lieber Hansi,
aber nein! Hier wird nicht mehr gehauen. Bob Macha will nämlich ein Sabbatical einlegen, um irgendwie diesen ganzen depressiven Blogozentriker-Stuss in ein MANUSKRIPT zu verwandeln. Und schon die Aussicht, sich hier nicht mehr mit all den Meinungsheckenschützen herumschlagen zu müssen und mit den Netznerdbesserwissern — und nicht mehr mit Texten, die unfasslich-geisterhaft in entmaterialisierter Hauchgestalt über Bildschirme schweben –, pumpt ihn geradezu AUF mit guter Laune.
Dir wird diese Auszeit (anvisiert ist ein halbes Jahr; wie’s danach weitergeht (und ob), zeigt sich dann) Gelegenheit geben, auch den Rest der weltverachtend-chefanklägerischen blogozentristischen Expektorationen Dir zu Gemüte zu führen! Und wer weiß — vielleicht blinkt Dir hier und da ein kleines Stückchen Heiterkeit entgegen?
Eine gute Zeit wünscht
Dein Blogo
Wenn auch noch nicht solange mitlesend, bin ich nicht minder überrascht. Allein, dass in Erwägung gezogen wird, ein Hohlkörper könne sich, wenn auch nur von außerirdischen Lebensformen, befüllen lassen, das, ja ist das schon der Anfang vom Ende dieses brachialen (Kultur-)Pessimismus’? (Muss ich gar schon Durchhalteparolen senden? Blogo, bleib’ stark, lass Ihnen keinen Millimeter! Fang erst gar nicht an!)
Das Gefühl ein Hohlkörper zu sein, ist das immer präsent? Keine Ausnahme? Nicht ein einziger Moment?
Lieber mete,
der Sinn dieser Darstellungsmethode, des method acting, ist, dass man wirklich EINTAUCHT in die Gefühlswelt seiner Figur. Um auch die kleinste Nuance konsequent durchziehen zu können. Meine Figur Bob Macha war — so hab ich ihn jedenfalls immer gesehen — durch und durch gefangen in einem Universum der Leere. Wohin er sich auch wandte, er nahm das Nichts mit sich.
Das war sicher nicht immer angenehm, aber es gab doch Orientierung. Und führte so zu manchen skurrilen, unerwarteten Einsichten.
Dein Robus blogocentricus
Dann kämen die Durchhalteparolen also schon zu spät. “Bob Macha war” – ob er sich so im Halbsatz erledigen lässt, ist er nicht immer wieder aufge/erstanden?
Nun, dann wünsche ich eine produktive Auszeit! Vermisse die Battle ja schon ein bisschen, aber habe mich in letzter Zeit auch um eine gediegenere Gesprächsatmosphäre bemüht (hoffe das hat positven Einfluss auf die Kopfnoten)…
Dein Cerebrus matschus phorkyadus
Danke. Hossa. Gute Besserung.