Wilhelms Meisterwerk

Oktober 31st, 2011 § 3 Kommentare

Natürlich, welch ein Glücksfall, dass ich ausgerechnet an diesem Abend einen Kanister Benzin dabei hatte! Meist führe ich ja nur ein Feuerzeug mit mir, aber ich erinnere mich, dass ich mich, weil die Benzinpreise (aufgrund irgendwelcher Friedensschlüsse) gefallen waren, zu einem Spontanhamsterkauf entschlossen hatte. Versteht sich von selbst, dass ich den Zwerg anrief und ihn fragte, ob er nicht Lust hätte, mir bei einer flammenden Performance unter die Arme zu greifen. Imre (so nannte sich der Zwerg, obwohl er eigentlich „Ludger“ hieß) ließ sich natürlich nicht lange bitten. Ein Freudenfeuerchen abzufackeln — konnte es etwas Schöneres geben an einem lauen Herbstabend? Und dann noch für einen Pyromanen? Anfangs dachte ich natürlich, er habe die Situation unter Kontrolle. Ich hielt es für einen Scherz, als er den Kanister umstieß und darüber nach vorn purzelte, sich mit seinen kurzen Ärmchen abstützend. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Risiken der Lektüre

Oktober 30th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Dr. Kafka, ich hab immer denselben Traum. Denselben wiederkehrenden Traum.
Ach ja, sagt der schlanke Mediziner und faltet die Hände vor dem Magen. Aus seinen eingefallenen Wangen spricht eine abstrakte Menschenfreundlichkeit, die der Menschen als realer Einzelexemplare unendlich müde ist. Rechts neben ihm (von Ihnen aus betrachtet) steht ein Skelett zu Anschauungszwecken, eine Erinnerung ans Studium. Er trägt einen reinen weißen Kittel, bequeme Schuhe, einen Anzug, an dem nichts auszusetzen ist, mit Weste. Er spricht mit leiser, ruhiger Stimme: Wenn Sie das mal beschreiben, diesen Traum?
Ja, es beginnt damit … ich werde angezeigt, ohne dass ich etwas getan hätte! Völlig ohne Grund wird mir der Prozess gemacht! Ich liege ja eigentlich nur im Bett, ich träume, ich warte. Was gibt’s da für nen Grund, mich anzuzeigen?
Sie warten? Worauf? « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Die blondierte Bestie

Oktober 29th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wegen WAS?
Ihm fallen fast die Augen aus dem Kopf, und ich muss sagen, rückblickend: Ich kann’s verstehen. Im Ernst.
Na ja, murmele ich, es ging um den Roman.
Roman.
Mag ja sein, sagt sein Nicht-mehr-als-“Roman“-Sagen, dass uns die Mafia im Nacken sitzt. Wir sind auf der Flucht seit vier Tagen, im Fadenkreuz der Hochkriminalität. Schön. Und man hat einen unserer engsten Freunde, Thees Klotz, in Stücke geschnitten, angezündet und verscharrt. Auch das ist bedenklich. Unser wirkliches Problem aber ist der Roman. Wohin führt der uns? Menschlich? Und vor allem: Wie geht’s mit dem weiter, mit dem Roman?
Er schüttelt den Kopf, der Tarr. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Zu Wasser zu Fuß

Oktober 28th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Irgendein Bahnhof in der Provinz. Ich hole mir eine kühle Cola. Die Sonne brennt herab auf dieses verlassene Stück Erde, auf die rostigen Transportmittelreste im Hintergrund. Auf den öden Granit des Bahnsteigs. Hinterm Fahrkartenschalter hockt so ein Imbeziller, so ein Idiot. 120 Kilo totales Desinteresse. Er löst ein Kreuzworträtsel in der Zeitung. Besonders weit ist er damit noch nicht gekommen. Ich sage: Kann ich ne Fahrkarte haben?
Wo soll’s denn hingehen, Meister?
New York, sage ich.
Da kommen Sie doch nich mit der Bahn hin!
Ach, sage ich, ist doch egal. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Gravity’s Zauberberg

Oktober 27th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Moderne vs. Postmoderne. Aus diesem Zweikampf, diesem Epochenbruch, dieser unheilbaren Dichotomie wird viel gemacht. Dabei handelt es sich doch weniger um einen qualitativen Gegensatz, denn um einen quantitativen Umschlag … Moment. Das Vorherstehende überlesend, stelle ich fest, dass da womöglich was dran sein könnte. Was natürlich GAR NICHT geht! Wie Guy Debord bemerkt: Nur die Negation des Kulturellen kann heute noch als kulturelle Haltung und Handlung durchgehen … Stellen wir die steile These also mal auf die Probe resp. auf den Kopf: Hätte Thomas Mann, Medien-affin, in sexueller Hinsicht ein Wackelkandidat, Liebhaber subversiv-verstörender Reflexion – hätte dieser Thomas Mann, Lübecker Patriziersohn und Nobelpreisträger, wenn er 70 Jahre später geboren worden wäre, die ENDEN DER PARABEL geschrieben? « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Small talk, große Bücher

Oktober 25th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ja, nee, das is eher son Hobby.
Kulturkritik? Als Hobby?
Ja.
Bob war spontan begeistert. Auf Partys lernte man zum Teil Menschen kennen … die gab’s im richtigen Leben gar nicht! Der hier zum Beispiel: ein studierter Philosoph, jetzt Grafikdesigner, der in seiner Freizeit über den Untergang des Abendlandes, ja, im „global age“ ja vermutlich gleich der ganzen Welt grübelte. Und dabei sah er vollkommen normal aus! Fast einschüchternd normal, eigentlich, monumental normal mit seiner Grafikdesignerbrille, den sorgsam frisierten Haaren, dem auf billig gemachten Edeljackett, der abgetragenen Jeans und den grünen Turnschuhen.
Bob freute sich jedes Mal wie ein Kind, wenn er so jemanden seiner Bekanntenliste im geistigen Facebook hinzufügen konnte. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Aufzeichnungen aus dem Rattenloch

Oktober 24th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Seit zwei Wochen. Zwei Wochen bin ich jetzt schon nicht zu Hause gewesen. In diesem muffigen, engen Loch in Kreuzberg, das ich, mit dem mir angeborenen Sinn für zynischen Humor, als „mein Zuhause“ bezeichne. Stattdessen sitze ich in den engen, muffigen Räumen des Blogozentrikers. Als Praktikant. Und räume den Dreck weg. Und fresse die Scheiße, die hier Tag für Tag durch die Produktionsmühle gequetscht wird.
Unglaublich, unglaublich widerlich, was ich hier für Szenen erleben muss! Wurde eben noch ein hochherziger Text abgedreht, in dem ein gewisser „Zoey“ sich für das authentische Leiden stark macht, das nach Ausdruck sucht, finde ich, kaum dass die Klappe geschlagen wurde, den Darsteller des Zoey mit Bob in der Kantine, wo sie sich volllaufen lassen. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Rauch Bekommt In Deine Augen

Oktober 21st, 2011 § 16 Kommentare

Wissen Sie, Bob, solange Sie den Wunsch verspüren zu schreiben, dass Sie nichts zu schreiben haben, solange sollten Sie es schreiben.
Bob rieb sich die Augen.
Entschuldigung … Wer sind Sie?, fragte er mit belegter Stimme.
Mein Name ist Zoey, sagte der schlanke Fremde. Er trug seine Haare linksgescheitelt, dazu eine Hornbrille, Hemd, ein schwarzes Cordjackett. Er wirkte ganz nett und aufgeweckt.
Sind Sie Lektor? Oder was?
Bob hatte immer noch einen Blackout; er konnte sich partout nicht erklären, wie er hierher geraten war.
Eine Bar, gedämpfte Gespräche, diskrete Bedienungen, im Hintergrund leises Cocktailpianistengeklimper. Eine Stimmung wie aus einem Film der 60er Jahre. Nur Kulisse, kein realer Ort, dachte Bob.
Lektor? Nein. Der Fremde schüttelte den Kopf. Keine Andeutung eines Lächelns. Stattdessen zündete er sich eine weitere filterlose Zigarette an. Ich bin weder Lektor noch Dichter noch Figaro. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Neulich, in einem Café, in Alblingen …

Oktober 20th, 2011 § 7 Kommentare

- Na, erinnerst du dich noch an mich?
- Max?
- Du erinnerst dich noch an meine Fresse, ja?
- Aber ja, natürlich.
- An meine blöde Fresse?
- Komm.
- Du findest nicht, dass das ne blöde Fresse ist? Hier? Meine?
- Nein. Wieso?
- Schau doch noch mal genau. Keine blöde Fresse?
- Was soll denn das? « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Der Skalp

Oktober 19th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Und sonst so, fragt Ben.
Und sonst? Ich wage nicht, ihn anzusehen. Sonst ist alles ganz okay, sage ich. Eine Bemerkung, die zu vage ist, um nicht Bens Verdacht auszulösen.
Mit Mutti ist alles okay?
Na ja, ab und an streiten wir, sage ich.
Ich bin froh, dass jemand das Lenkrad festhalten muss, und dass ich dieser Jemand bin. Links und rechts ziehen verschneite Felder vorbei, eine Krähe wirbelt schwarz durch die frostige Luft. Alles so, wie es sein soll an Weihnachten. Da draußen, zumindest.
Geht’s immer noch um dasselbe Thema?, fragt Ben nach. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

Wo bin ich?

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