Das Rote Buch
Oktober 5th, 2011 § 1 Kommentar
Gut, ja, Herr Macha, da bräuchte ich als erstes mal Ihren Marketingplan …
Meinen –
Bob stutzt. Der Verleger staunt nicht minder: Ja, haben Sie denn etwa keinen Marketingplan dabei? Wie Sie Ihren Roman kalkuliert haben? Herr Macha! Das müssen wir doch wissen!
Ach so? Ich dachte, dafür wären Sie zuständig?
Aber nein! Der Verleger lacht in seinem grauen Anzug mit Weste. Wir drucken Ihr Buch. Das ist unser Job.
Also, einen Marketingplan soll ich …
Sie können ja noch einen nachliefern, sagt der Verleger und wirft das Manuskript des Romans – NACHRICHTEN VON DEN RÄNDERN DER GUTENBERGGALAXIS – auf seinen Schreibtisch. Vielleicht zeigen Sie mir jetzt das Exposé?
Ein Exposé? Ist das denn nötig? Ich habe Ihnen doch …
Bob Macha weist mit der Hand auf sein Manuskript. Mühsam getippt, Zeigefinger für Zeigefinger. Weil er Computern nicht vertraut. Weil er glaubt, die Maschinen nähmen Einfluss auf unser Denkvermögen.
Der Verleger winkt ab: Ja, ja, das brauchen wir auch – als Datei. Word, im Idealfall. Der Verleger setzt einen strengen Blick auf. Kommen Sie, junger Mann!, sagt er. Sie wollen mir nicht sagen, dass Sie von mir erwarten, dass ich mir diese 300 Seiten durchlese?
Es sind 230, sagt Bob Macha kleinlaut. 228.
Jedenfalls, belehrt ihn der Verleger, sind es viel zu viele! Das kann ich doch unmöglich alles lesen!
Ja, aber …
Dann schildern Sie mir halt schnell mündlich Ihr Konzept. Das geht ja auch, wenn es auch nicht der normale Weg ist!
Mein Konzept?
Also. Der Verleger schiebt seinen Stuhl zurück und springt auf. Ungeduldig. Er zerrt sein Jackett nach unten. Jetzt hören Sie mal!, ruft er. Sie stehlen mir wirklich meine Zeit! Ein Konzept haben Sie auch nicht? Was ist denn dann die Idee, was macht Ihren Roman besonders? Was zeichnet ihn vor allen anderen Romanen aus?
Aber das kann ich doch nicht in einem Satz sagen!, ruft Bob Macha verzweifelt aus.
Selbstverständlich können Sie das! Wenn Sie ein Autor sind, dann können Sie das! Was können Sie denn sonst?
Aber es ist doch Poesie …
Bob Macha schlägt die Hände vor der Stirn zusammen und verbirgt sein Gesicht.
Der Verleger setzt sich wieder hin. Er bemüht sich erkennbar um eine versöhnliche Haltung, angesichts der Schwäche seines Gegenübers.
Ich will Ihnen ein Beispiel geben, fängt er an. Einer unserer größten Erfolge nicht nur in den letzten Jahren, sondern überhaupt in der Geschichte unseres Verlages war der Roman ROT. Sie haben davon bestimmt gehört?
ROT?
In weißen Versalien auf rotem Grund. Der Verleger strahlt. Sah hervorragend aus! Wissen Sie, worum es in dem Buch ging?
Ich habe nicht die geringste Ahnung …
Es war die Geschichte einer Winzerfamilie aus Bordeaux, aufgefächert über mehrere Generationen. Fabelhaft. Rotweinwinzer. Das ging bis zu Montaigne zurück. Kulturgeschichtlich hoch interessant. Gelehrt und klug, ohne belehrend und angeberhaft zu sein. Eine sehr feine, wohlabgeschmeckte Mischung. Genau so muss man schreiben, wie Victor Kompt das gemacht hat! Ein toller Autor. Und das Thema Rot, das wurde konsequent ausgeführt. Sagenhaft, meisterlich. Eine an Thomas Mann und Richard Wagner geschulte Leitmotivtechnik. Wie sich die Spuren dieser großen Familie in einem Meer von Blut verloren haben, buchstäblich, an der Front von Verdun, in diesem Massengemetzel … das war hochdramatisch und stilistisch von allerfeinster Qualität! Und, wie gesagt: ohne jede billige Pose. Poesie, aber keine Poeterei, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Ja, sicher …
Und dann das Happy End. Im Russland der Oktoberrevolution. Mit so viel augenzwinkerndem Takt war das gestaltet! Im Hintergrund knattern rote Fahnen. Und da fallen sich auf dem Roten Platz diese beiden letzten Abkömmlinge einer großen Zeit, einer unwiederbringlich verlorenen Epoche, des europäischen Großbürgertums, wenn ich einmal so sagen darf …
Bob Macha hört nicht mehr zu. Er nickt. Der Verleger, ans Ende seiner Tirade gekommen, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
Das war toll, sagt er mit brüchiger Stimme. Sehr ergreifend. Ich habe die ganze Nacht gelesen. Passiert mir nicht oft, wahrlich nicht!
Bob Machas Blick wandert vorsichtig zu seinem Manuskript hinüber.
Und das letzte Wort des Textes, sagt der Verleger. Er beugt sich vor und schmunzelt. Das letzte Wort des Romans. Wissen Sie, wie das lautete?
Bob Macha sagt mit steifen Lippen: Rot?
Ganz genau! Der Verleger nickt genießerisch. Ist das Konsequenz? Was sagen Sie? Ist das Stil? Das hat Klasse, wirklich. Das war eine Meisterleistung. Hat sich auch hervorragend verkauft. Zumal Herr Kompt mit vorzüglichen Kontakten zur Lebensmittelbranche aufwarten konnte.
Wie?
Ja, ja. Der Wein zum Buch. Den hat man hier angeboten, in einer Weinhandlung in Kreuzberg. Und in verschiedenen Buchhandlungen auch. Lief sehr gut. Buch und Wein im Paket, für das perfekte Wochenende. In einer roten Tüte. Zum Vorzugspreis.
Versteht sich, murmelt Bob Macha.
Auf dem Etikett stand groß: ROT. In weißen Versalien.
Das war stimmig, sagt Bob Macha.
Stimmt, das war sehr, sehr stimmig. Alles hat einfach gestimmt. Das war grandios durchkomponiert, dieses Paket, bis ins Detail.
Und, um noch mal, äh …
Und Kontakte zu den entsprechenden journalistischen Stellen hatte er auch, der Herr Kompt. Der hat sogar alle Rezensionen selber verfasst, in unterschiedlichsten Tonlagen, von der subtilen Analyse bis zum plapperhaften Hochgejazze. Hatte der alles drauf. Ein echter Gentleman. Kein Buchstabe zu viel, tiptop Zeichensetzung, Beziehungen zum Rotwerden. Oder eher: Blasswerden. Vor Neid. Hahaha.
Hahaha.
Der kannte eben die Leute in den Redaktionen der Lebensmittelfachblätter, der Winzerblätter usw., der Kompt. Das hat den Verkauf natürlich ungeheuer angekurbelt.
Bob Macha steht auf.
Was brauchen Sie denn sonst noch von mir, außer einem Exposé …
Kurz, bitte! Höchstens drei Seiten!
… und dem Marketingplan?
Ein Interview. Auch der Verleger erhebt sich. Es wäre gut, wenn wir da etwas hätten, was wir den Kollegen von der Presse an die Hand geben können. Damit die sich leichter ein Urteil bilden können. Schreiben Sie doch schon mal ein Interview auf, in dem Sie, auf feurige, aber auch kluge Art, Ihr Werk erklären. Machen Sie es ruhig etwas kontrovers und polyphon. Lebendig. Aus vielerlei Blickwinkeln. Wissen Sie, Rohmaterial für Kritiken, Futter für Rezensionen oder Porträts …
Okay.
Und denken Sie über die Anzeigenschaltung nach. Der Mediaplan, den dürfen Sie nicht unterschätzen! Ich meine, wenn Sie Erfolg haben wollen, dann müssen Sie das Geld für ein paar Anzeigen in den überregionalen Zeitungen schon in die Hand nehmen …
Sie meinen: FAZ, SZ?
Ja, und ZEIT. Und vielleicht sogar FR, mal sehen. Taz.
Gut.
Bob Macha greift sich das Manuskript vom Schreibtisch seines Verlegers und steckt es in die Lederaktentasche.
Noch was?
Ja, mal sehen … Ihr Foto haben wir?
Wie wäre es mit einem Buch zum Buch?
(BTW: Wenn Sie sich jetzt ganz stark konzentrieren und in die linke untere Ecke ihres Bildschirmes starren, sehen Sie das breite Grinsen eines Mannes, der nach langer Zeit einen Bekannten wiedersieht und sich darüber sehr freut. Ja.)