Bancarotta
Oktober 6th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Er schraubte seinen Füllfederhalter zu. Den Brief, an dem er wochenlang geschrieben hatte, packte er mit weit gespreizten Fingern und knüllte ihn krampfartig zusammen. Achtlos warf er das blättrige Kügelchen in die Korbtasche, die als Papierkorbtasche diente. Dann, die Hände über der Furche zwischen den Pobacken gefaltet, trat er ans Balkontürfenster und sah hinaus. Die Stadt, eine Kaskade bewährter Dächer, in sanftem Gluckern hinab sinkend zum Fluss. Ganz hinten glitzterte majestätisch das Gold des Tejo — das Wasser eines eingebildeten Flusses allerdings, heute längst vergangen, vergraben unter Smog und Gestank, erstickt im Motorengeknatter und dem infernalischen Kreischen der Elektrischen, die sich durch enge, von Motorkarren verstopfte Gassen windet, an blinden, eingeschlagenen Hausvisagen vorbei, bergan, bergab, wie in den Straßen von San Francisco, nur eben nicht Fernsehen, nur eben nicht Literatur, nicht nach Jahrzehnten aus der Truhe geholt, ein gerettetes, irgendwie, durch Zufall, Kunst und Liebe gerettetes Leben, sondern brutaler Lärm, akut und heftig wie Zahnschmerz in der Mitte der Nacht, ein Getöse, als risse eine Horde blonder Bestien eine ganze Häuserfront gegenüber ab, wo doch wohl nur der Unrat und der Schlamm des Tages weggeschafft wird, aber die Müllabfuhr donnert durch die traumgequälte Stadt wie ein Geschwader antihimmlischer Dämonen, deren Aufgabe es ist, den Schlaf der Menschlein durchzustreichen, ihn auszuixen auf einer Schwermetallschreibmaschine, HÄMM, HÄMM, HÄMM, TONGGGGGG, KRAWUUMMMMMM, BRANGGGGGGG.