Pixar?
Oktober 6th, 2011 § 1 Kommentar
Als einer, der nichts sehnlicher zu sein wünschte als ein Dichter, begegnete ich der Technik von früh auf mit Skepsis, um nicht zu sagen: mit hasserfüllter Verachtung. Ich erinnere mich noch, wie sich mir jedes Mal der Magen umdrehte, sobald ich in einer meiner überambitionierten Kurzgeschichten das Wort “Auto” unterbringen sollte — ich brachte es nicht übers Herz, es stockte auf der Feder, es stülpte mir die Seele nach außen, es pumpte mir Benzin in die Adern. Also schrieb ich: “Er öffnete die Tür seines Wagens.” Ein fauler Kompromiss, als hätte es einen Weg zurück ins Jahr 1920 gegeben …
Auch heute sehe ich Rot, wenn jemand auf seinem iPhone herumwischt oder -stochert und dabei lacht oder zufrieden brummt, oder wenn sich ihm die Haare sträuben. Ich kann es nicht ertragen, dass der Kosmos der Worte nichts mehr, die sofortige Verfügbarkeit von Informationen hingegen alles gilt. Was ich wahrnehme, ist das allmähliche, aber rapide Verlöschen einer mehr als 2.000 Jahre alten Kultur — der Papier-basierten Kultur, um es in zeitgemäßer Bindestrich-Schrulligkeit zu sagen. Während man sich früher gewisse Einsichten und Erkenntnisse mühsam erarbeiten musste (und während der Reise zu seiner spezifischen Eigen-Art von Bildung wahre Initiationserlebnisse hatte), lässt Google heute jeden Insight gegen Tastendruck zum Flatratetarif springen. Natürlich ist es gut, wenn die Leute Wissen tanken! Meine Güte — als Kulturpessimist wird man von den colazappeligen Online-Junkies immer sofort in die Carl-Schmitt-Ecke gedrängt! Ich meine nur, dass alles Wissen über Äpfel nichts zählt, wenn man keine Ahnung hat, wie ein Apfel riecht oder schmeckt, weil man nie einem begegnet ist.
Aber auch das hängt vermutlich mit meinem irregeleiteten Drang zusammen, Schriftsteller oder Poet zu sein, als stünden diese Professionen auf einem Wirklichkeitslevel mit Berufen wie Banker oder Ingenieur …
Gleichwohl: Aus meiner neandertalischen Sicht nimmt es sich so aus, als wären Wörter gleichbedeutend mit Werten, wohingegen das Gesumms und Geblinke aus den globalen Funknetzen nur Dorfklatsch wäre: Steve Jobs stirbt, und jeder, der ein iGerät sein eigen nennt, muss dazu etwas kund tun. Tratsch, Quatsch, Hymnus, ganz gleich. Am besten lädt man irgendwelche Filme hoch.
Ich kann mit dieser 7-Milliarden-Demokratie nichts anfangen. Da Dichtung im alten Verstande nicht auskam ohne Hierarchie (ganz oben stand Dante, ganz unten Perry Rhodan, dazwischen hatte man sich sein Plätzchen zu erstreiten), bin ich total überfordert von einer Geschichtenwelt, die in ihrem sturzbachartigen Hereinbrechen auf mich polyfokal, multimedial und omnipräsent-beliebig wirkt. Alles geht, und da sich alles nur noch im Kreis bewegt, ist die Frage: Wohin? vollkommen irrelevant. Alles ist wurscht, zur Not sieht man sich die Wiederholung an. Verpassen kann man nichts mehr. Nietzsches Ewige Wiederkehr ist schnöde Real-Life-Sitcom-Realität geworden. Jedes Mal, wenn ich SPIEGEL ONLINE aufrufe, ist die nächste Fortsetzung des Menschheitsromans aus der Feder von Eugène Sue.Null erschienen. In leicht ermüdender Unübersichtlichkeit geht die Story weiter, weiter, weiter. Und selbst die geschicktesten Scriptdoktoren haben längst die Waffen gestreckt. Der Zufall führt Buch, oder der Typ, der sich den Big Bang ausgedacht hat.
Was bleibt aber zu besingen, wenn es weder einen Mann gibt noch Waffen, die er führt? Es bleibt nur der euphorisch-müde Blick in den neuen Nike-Store. Vergil zieht den Rotz hoch und denkt über die nächste Kampagne nach — und nicht die Kampagne in Frankreich. Allenfalls in Franken.
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Big Bang is’n Typ? Hey, Mann!