Der Skalp
Oktober 19th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Und sonst so, fragt Ben.
Und sonst? Ich wage nicht, ihn anzusehen. Sonst ist alles ganz okay, sage ich. Eine Bemerkung, die zu vage ist, um nicht Bens Verdacht auszulösen.
Mit Mutti ist alles okay?
Na ja, ab und an streiten wir, sage ich.
Ich bin froh, dass jemand das Lenkrad festhalten muss, und dass ich dieser Jemand bin. Links und rechts ziehen verschneite Felder vorbei, eine Krähe wirbelt schwarz durch die frostige Luft. Alles so, wie es sein soll an Weihnachten. Da draußen, zumindest.
Geht’s immer noch um dasselbe Thema?, fragt Ben nach.
Es gibt so viele Themen.
Schon wieder weiche ich aus, und ich hasse mich dafür. Ben wäre sicher ein glücklicherer Junge, als er ist, wenn ich mich nicht immer um klare Worte gedrückt hätte. Ich bin ohnehin schon ein Drückeberger, aber wenn es um offene Worte geht, erreiche ich olympische Qualitäten. Meine Kehle schnürt sich zu … Eva, die in der Badezimmertür steht und mir sagt, ich solle mich über die Weihnachtstage zusammenreißen, diese wenigen Stunden, sonst werde sie endgültig ausziehen. Oder mich umbringen. Sie könne für nichts garantieren. Ich erinnere mich an ihren Blick. Ich griff nach dem Jod und tupfte die Schnittwunde ab …
Du weißt, welches Thema ich meine, sagt Ben. Er schaut auch nicht zu mir her, das erkenne ich aus den Augenwinkeln.
Es ist gut, das Lenkrad zu halten, aber es wäre in diesem Augenblick besser, wenn ich einen Flachmann zwischen den Fingern hätte. Handschuhe. Ich liebe Handschuhe, denke ich.
Wie geht’s Großvater?
Ben ist ein Meister des bedeutungsfreien Tonfalls. Das hat er von mir gelernt. Behauptet jedenfalls Eva. Er kann einen auch ansehen, als machte er sich nicht die geringsten Gedanken dabei, und in Wahrheit scannt er einen bis auf die Innenseiten der Schuhe.
Großvater ist trocken, sage ich in einem Ton, dessen Schärfe mich selbst fast erschreckt.
Jetzt schaut Ben mich an.
Das freut mich für ihn, sagt er.
Ich erwidere: Ich bin nicht trocken.
Plötzlich habe ich vollkommen die Kontrolle verloren. Über die Situation, über Ben, über mein Leben. Die Frage, warum Eva und ich nur noch in offener, erbitterter Feindschaft leben können, zerreißt mich fast, wie sie mir unvermittelt in den Schädel schießt. Ich bin vollkommen im Arsch, und Schweiß sammelt sich auf meinen Brauen. Meine Hände zittern. Ich denke an die Flasche Schnaps in der Anrichte. Jedes Mal, wenn ich an der Anrichte vorbeigehe, ist da diese Stimme in mir, dieses Flüstern, die Verlockung: Komm, nur einen Schluck; warum bis fünf warten?
Ich bin ein Wrack, ein Esel, und ich schäme mich dafür.
Am Anfang war es mein Traum gewesen, mir einen anzusaufen und darüber zu schreiben. Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Ich hielt es für den perfekten Beruf, die perfekte Definition für die Tätigkeit des Schriftstellers. Er war ein Mann, der sich ausklinkte und aus dieser Zwischenwelt Depeschen an die wenigen Wagemutigen verschickte, die sich für etwas anderes interessierten als die Lügen jener Welt, die man sich auch in den Nachrichten zu zeigen traut. Ich war so stolz und verrückt gewesen, dass ich sogar geglaubt hatte, einen Beruf daraus machen und andere mit herabziehen zu können in meinen Untergang.
Inzwischen fühle ich mich wie ein miserabler kleiner Freak. Ein Trunkenbold, der eine belanglose Online-Zeitschrift versenkt und danach nie wieder festen Boden unter den Füßen gespürt hat. Hinter mir gähnt ein Abgrund, ein ungeheures Loch im Boden, ein Mondkrater – das ist das einzige, was von der gewaltigsten Anstrengung meines Lebens geblieben ist. Eine Weihnachtskarte von Georg, ein knappes „Frohes Fest, Bob, und pass auf Dich auf“, mehr ist nicht drin. Die anderen ehemaligen Mitarbeiter des Blogozentrikers hassen mich, einer hat sogar auf seiner Internetseite geschrieben, ich sei „die Enttäuschung des Jahres 2010“.
Ich spüre, dass Ben neben mir die ganze Ladung meiner Frustration und meiner Negativität abbekommt, auf diese Art, wie nur Söhne sie entwickeln können, wenn sie das Pech haben, sensibel zu sein. Er tut mir unendlich leid, und ich krame in meinem zerklüfteten Verstand nach ein paar Worten, die ich ihm sagen könnte, um ihm wenigstens für diese wenigen Weihnachtsstunden so etwas wie Vertrauen oder Zuversicht einzuflößen.
Ich bin nicht trocken, aber ich werd’s hinbekommen, sage ich, und das ist einfach nicht wahr, auch wenn ich es jetzt endlich übers Herz bringe, Ben einen Blick zuzuwerfen.