Neulich, in einem Café, in Alblingen …

Oktober 20th, 2011 § 7 Kommentare

- Na, erinnerst du dich noch an mich?
- Max?
- Du erinnerst dich noch an meine Fresse, ja?
- Aber ja, natürlich.
- An meine blöde Fresse?
- Komm.
- Du findest nicht, dass das ne blöde Fresse ist? Hier? Meine?
- Nein. Wieso?
- Schau doch noch mal genau. Keine blöde Fresse?
- Was soll denn das?
- Ach. Weiß auch nicht.
- Du warst schon immer ein komischer Vogel. Hast gern provoziert.
- Hab euch herausgefordert.
- Ja.
- Euch in Alblingen.
- Hatte das was mit Alblingen zu tun?
- Aber mich hab ich auch herausgefordert. Das kannst du mir glauben.
- Daran zweifle ich nicht.
- Möglicherweise, weißt du …
- Ja?
- Kann sein, dass ich’s n bisschen übertrieben habe mit den Herausforderungen.
- Wie meinst du das?
- Ach, nur so. Haha. Ein Privatwitz. Is egal. Is lange her, Mann, alles lange her … Wie geht’s dir?
- Max! Mann! Ich kann’s immer noch nicht glauben.
- Ich sah dich hier sitzen.
- Schön, dich zu sehen. Wie lange ist das her?
- Lange.
- Nimm doch Platz. Einen Kaffee, einen Wein? Ist ja schon fast vier.
- Ja, danke, nein, ich muss gleich weiter. Ich bin nur auf der Durchreise. Ich fahr gleich nach Berlin, mit dem Zug.
- Da wohnst du jetzt?
- Meistens, ja. Ich hab da eine Wohnung.
- Du bist viel unterwegs?
- Ich bin ausschließlich unterwegs, Mann, ja.
- Ausschließlich unterwegs? Immer?
- Ja.
- Ohne Heimathafen?
- Ehrensache.
- Hm.
- Tja.
- Verrückt, dich hier zu sehen.
- Warum?
- Weiß auch nicht. Ich hätt einfach nicht damit gerechnet.
- Du hast mich abgeschrieben, was?
- Abgeschrieben? Was soll denn das heißen? Nein. Ich hätt nur nicht erwartet, dich hier zu treffen, das ist alles. Nie und nimmer. Ohne das begründen zu können. Nie und nimmer hätt ich damit gerechnet.
- Hast ja Recht. Ich pass nicht hierher.
- Vielleicht ist es das.
- Erzähl, was machst du so? Bist du immer noch im Kulturamt?
- Stellvertretender Leiter inzwischen.
- Oho. Glückwunsch.
- Nächstes Jahr werde ich Chef. Wenn Danzinger endlich in Pension geht.
- O Gott. Danzinger. Ist der immer noch so eine Nervensäge?
- Immer noch der Alte.
- Ein unerträglicher Typ. Rechthaberisch, ein Griesgram. Und hinterlistig obendrein. Ein echter Mafioso. Wir sind bei jedem Projekt aneinandergeraten, er und ich, weißt du noch?
- Bei jedem einzelnen Projekt, das stimmt, haha.
- Und der ist noch ganz der Alte, sagst du.
- Ja.
- Wie du auch?
- Ich? Na ja.
- Doch, doch.
- Wenn ich Herr Keuner wär, müsste ich jetzt wohl erbleichen, oder?
- „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: Sie haben sich gar nicht verändert.“
- „Oh, sagte Herr K. und erbleichte.“
- Ich kenn meinen Brecht noch.
- Damit hab ich gerechnet.
- Ich weiß schon.
- Er war dein Abgott. Du konntest fast alles von ihm auswendig.
- Du hingegen fandst Brecht immer schon scheiße. Wie dein Freund Danzinger ja auch.
- Trotzdem kann ich ihn zitieren, wie du siehst!
- Du hast ihn gehasst.
- Das stimmt nicht!
- Wie du damals gegen den GUTEN MENSCHEN VON SEZUAN polemisiert hast? Was war das?
- Das Projekt war einfach nichts, das war der Grund …
- Du hältst Brecht für überbewertet, gib’s doch zu.
- Überbewertet, das trifft’s schon eher, meinetwegen.
- Und du wolltest dich bei Danzinger anbiedern, darum hast du so polemisiert gegen den armen BB.
- Das ist nicht wahr.
- Du wolltest dich bei ihm beliebt machen.
- Nein.
- Ihm jedenfalls nicht unnötig widersprechen? Könnten wir uns auf diese Formulierung einigen? Können wir’s so festhalten?
- Das Projekt hat uns alle nicht überzeugt. Dem konnten wir nicht zustimmen. Wir haben ja auch eine Verantwortung getragen. Immerhin ging es um Steuergelder.
- Ich fand das damals eine gute Idee. Ne nette Sache. Wär sicher unterhaltsam geworden.
- Hm.
- Mir haben auch die Keuner-Parabeln immer gefallen.
- Hm.
- Ist ja auch egal … Und du fällst richtig die Karriereleiter hoch, ja? Und bist dann Chef nächstes Jahr?
- Wenn alles glatt läuft, ja.
- Chef. Das ist auch so ne Position, oder? Chef?
- Das hab ich dem Kurzfilmfestival zu verdanken. Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Da brach regelrecht eine Hysterie aus in den Medien, und nicht nur in den lokalen … Du hast das ja wahrscheinlich verfolgt?
- Die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt.
- Und am richtigen Ort. Nicht zu vergessen.
- Am richtigen Ort. Alblingen. Der perfekte Ort für Kurzfilme.
- Was soll das wieder? Du sagst das so komisch?
- Für dich ist’s ja eher ein Epos, oder, unser Alblingen? Eine Epopöe, oder wie man sagt. Eine Neverending Story … hast du Familie?
- Zwei Kinder.
- Und eine Frau?
- Nein.
- Sybille? Hieß sie nicht Sybille?
- Hieß sie, ja.
- Und tut sie nicht mehr? Soll das etwa heißen, sie …
- Nein, sie hat sich von mir getrennt. Keine Sorge, es geht ihr gut.
- Was sagt man da? Herzliches Beileid kann man ja nicht sagen …
- Keine Tragödie. Wir hatten uns auseinander gelebt. Alles sehr einvernehmlich.
- Keine Tragödie. Und die Kinder?
- Waren groß genug, um keinen Schaden davon zu tragen. Alles gut.
- Ist sie auch noch in Alblingen, deine Sybille?
- Nein, sie lebt in München.
- Aber es gibt jemand anderen?
- Nein.
- Keine neue Frau?
- Nichts Festes, nein.
- Nur mal so rumficken, oder wie, bei Bedarfsfall? Auch Mädels aus dem Kulturamt, wenn’s sein muss? Praktikantinnen.
- Max, jetzt …
- Bei mir gibt’s auch keine festen Sachen. Ich hab einfach nicht die Zeit dafür.
- Weil du permanent unterwegs bist?
- Bisschen zu viel Herausforderung für die meisten Frauen.
- Dein Lebensstil?
- Nö. Ich!
- Was macht deine Karriere?
- Beschissen.
- Keine Arbeit?
- Zu viel Arbeit – mit Arbeit machst du ja keine Karriere.
- Das kann ich nicht bestätigen …
- Mit Arbeit holst du dir einen Hörsturz, aber mehr auch nicht.
- Es kommt drauf an, ob du als sinnvoll erlebst, was du tust. Wie das Gesamtpaket ist. Ich glaube, das muss man ganzheitlich betrachten.
- Scheiße. Ich muss zum Zug.
- Schon? Schade.
- Jammerschade.
- Mach’s gut, Max.
- Ja, du auch.
- War nett, dich zu sehen.
- Irre.

Tagged:

§ 7 Antworten auf Neulich, in einem Café, in Alblingen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Neulich, in einem Café, in Alblingen … at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.