Rauch Bekommt In Deine Augen

Oktober 21st, 2011 § 16 Kommentare

Wissen Sie, Bob, solange Sie den Wunsch verspüren zu schreiben, dass Sie nichts zu schreiben haben, solange sollten Sie es schreiben.
Bob rieb sich die Augen.
Entschuldigung … Wer sind Sie?, fragte er mit belegter Stimme.
Mein Name ist Zoey, sagte der schlanke Fremde. Er trug seine Haare linksgescheitelt, dazu eine Hornbrille, Hemd, ein schwarzes Cordjackett. Er wirkte ganz nett und aufgeweckt.
Sind Sie Lektor? Oder was?
Bob hatte immer noch einen Blackout; er konnte sich partout nicht erklären, wie er hierher geraten war.
Eine Bar, gedämpfte Gespräche, diskrete Bedienungen, im Hintergrund leises Cocktailpianistengeklimper. Eine Stimmung wie aus einem Film der 60er Jahre. Nur Kulisse, kein realer Ort, dachte Bob.
Lektor? Nein. Der Fremde schüttelte den Kopf. Keine Andeutung eines Lächelns. Stattdessen zündete er sich eine weitere filterlose Zigarette an. Ich bin weder Lektor noch Dichter noch Figaro. Ich bin Schauspieler.
Schauspieler? Ein faszinierender Beruf …
Meinen Sie? Keine Andeutung eines sardonischen Lächelns. Stattdessen streifte der Mann die Asche seiner Zigarette am Rand des Aschenbechers ab. Das hängt wirklich sehr davon ab, was Sie spielen. Ich z. B. hab in letzter Zeit nur Mistrollen gehabt. Was weiter kein Problem ist. Mistrollen werden sehr gut bezahlt.
Ach ja?
Bob rieb sich noch das Kinn, als er eine Stimme in seinem Ohr vernahm: Was darf’s sein, mein Herr?
Eine Frau, schön und jung, mit slawischen Gesichtszügen, blond, beugte sich halb zu ihm herab.
Auch einen Whiskey?
Der Fremde hob sein Glas und ließ die Eiswürfel im Rhythmus der Pianomusik klimpern. Eine alte Nummer von Kern und Harbach, aus den Dreißigern.
Ja, sagte Bob, gern!
Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken, sagte der fremde Mann, nachdem die Bedienung abgeschwirrt war. Sie sind verwirrt, das ist natürlich. Aber Sie träumen nicht. Traum wäre wirklich das falsche Wort. Sie haben auch keine Pilze gegessen oder LSD geschluckt oder sonst was. Sie sind einfach nur … hier.
Der Mann machte eine Bewegung mit seinem Arm, mit der er die ganze Bar einzusammeln schien.
Bob blinzelte.
Aber was ist das für ein Ort? Ich war hier noch nie!
Es ist ein Ort, den wir “Home” nennen.
“Home”?
Sie werden nicht allzu lange hier bleiben können, sagte der Mann. Er blickte ernst. Ich hab auch meine Verpflichtungen.
Verstehe, sagte Bob. Was meinten Sie mit Ihrer Bemerkung, ich solle unbedingt weiterschreiben?
Der Mann streifte wieder seine Zigarettenasche ab.
Ich meinte damit: Halten Sie den Ball im Spiel, sagte er leise. Im Augenblick sind die Regeln nicht auf Ihrer Seite, mag sein, aber die Spielregeln können sich auch ändern. Was bleibt, ist der Ball. Also bleiben Sie dran.
Aber ich, ich komm mir so … so leer vor. Bob schluckte. Leer, ja. Ausgedörrt. Wie eine Trockenpflaume, die man in einer wiederverschließbaren Packung im Küchenschrank aufbewahrt.
Der Mann hatte sich zurückgelehnt. Zwischen seinen Fingern brannte die Zigarette herunter. Er musterte Bob mit scharfem Blick.
Seien Sie dankbar, sagte er. Verlangen Sie nicht dauernd das Unmögliche. Freuen Sie sich doch, dass es jemanden da draußen gibt, der Ihre Texte liest. Der Ihnen etwas Aufmunterndes schreibt, weil er Sie ernst nimmt. Weil er Ihre Aufrichtigkeit erkennt … Seien Sie dankbar, dass Sie nicht … Wissen Sie, da gab es in meiner Schauspielschule einen Kerl.
Die Bedienung kehrte in diesem Augenblick zurück und stellte Bob mit einem liebreizenden Lächeln den Whiskey hin.
Dieser Bursche war ungeheuer ehrgeizig, erzählte der Fremde. Er wollte unbedingt auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Kannte die ganze dramatische Weltliteratur auswendig, trainierte sich Muskeln an, wie ein Spitzensportler. Ich habe keine Ahnung, was ihn eigentlich antrieb. Normal war das jedenfalls nicht. Er fing zu zittern an, sobald ein Auftritt nahte, war nur noch ein Häuflein Elend, und das wurde ihm dann auch zum Verhängnis. Diese Überambitioniertheit. Er bekam nämlich eine Rolle. Am Stadttheater. Eine Kleinrolle, Kleinstrolle. Er brachte ein Glas Tee auf die Bühne und sagte: “Da ist ein Anruf für Sie, Sir.” In einem dieser schrecklichen Well-made-Plays, mit dem man die Zuschauer glücklich macht und die Kritiker nicht gegen sich aufbringt, weil es ab und an was zu lachen gibt.
Verstehe, sagte Bob.
Jedenfalls, die Proben laufen gut, alles reibungslos, dann ist Premiere, und er geht auf die Bühne. Er stellt sein Glas Tee ab, alles wunderbar. Sein Kollege, ein erfahrener, halbwegs prominenter Schauspieler, wartet, dass er seine sieben Wörter sagt, damit die Handlung ihre vorgesehene Wendung nehmen kann. Aber der Bursche sagt seine sieben Wörter nicht. Er sagt gar nichts. Tut nichts, steht nur da, starr, die Arme auf dem Rücken. Wie eine Statue.
Und?
Endlich sagt der Schauspieler: “Gab’s denn heute keinen Anruf für mich?” Um seinem Kollegen zu helfen. Und um irgendwann auch nach Hause gehen zu dürfen.
Und Ihr Freund, was machte der?
Er sagte: “Nein, aber da ist ein Brief für Sie gekommen.”
Bob musste grinsen: Ein Brief? Wie kam er denn …
Vollkommen irre! Der fremde Mann lehnte sich vor, eine weitere Zigarette aus seinem Softpack klopfend. Er hat damit die ganze Aufführung gesprengt. Er beging Selbstmord auf offener Bühne. Harakiri. Wissen Sie, was ich glaube? Er hielt es einfach nicht aus. Er hatte selbst bemerkt, dass er für die Bühne nicht geschaffen war. Was ihn da raus trieb, vors Publikum, hatte nichts mit ihm selbst zu tun. Er hasste es, im Grunde. Vielleicht war es der alte Traum einer Tante, die Schauspielerin hatte werden wollen, oder eine verdrängte Sehnsucht seines Vaters. Keine Ahnung. Aber er, er war definitiv kein Schauspieler. Und darum begrub er sich da bei lebendigem Leibe, machte sich ein für alle Mal unmöglich. Damit er endlich seine Ruhe hatte vor dem Mist.
Bob rieb sich über die Stirn. Aber was … was hat das alles mit mir zu tun?
Was das mit Ihnen zu tun hat? Nun, Sie gehen raus. Freiwillig. Sie liefern Ihren Text ab. Keine Ahnung, was es ist, aber irgendwas suchen Sie da draußen im Scheinwerferlicht.
Sie meinen, ich muss schreiben? Ich habe das in mir?
Zumindest ist es Ihr eigener Wunsch, oder? Sie leben nicht irgend jemandes Leben, wenn Sie schreiben. Dafür sollte man dankbar sein, meine ich.
Was ist mit Ihnen?, fragte Bob. Wessen Leben leben Sie?
Der fremde Mann runzelte die Brauen. Das weiß ich nicht. Ganz ehrlich, keine Ahnung. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich nur … Er spielte mit seinem Feuerzeug herum. Dann fuhr er fort: Als wäre ich die Erfindung von jemand anderem. Von jemandem, den ich nicht kenne.
Also bin ich ein glücklicher Mann, sagte Bob, weil mein Unglück authentisch ist? Lieber real machtlos, als sich einbilden, man sei der Übertexter?
Das muss jeder für sich entscheiden. Aber ich sehe die Dinge nun mal so.
Das heißt, Sie stehen auf der Seite dessen, was ist, anstatt auf der Seite der Unmöglichen Aspirationen?
Natürlich.
Sie sind eine Kitschnudel, sagte Bob kopfschüttelnd.
Der Mann erhob sich. Sie haben recht, sagte er und ließ sein Feuerzeug in die Jacketttasche gleiten. Aber wie auch immer, ich muss gehen.
Er warf seine Zigarette in den Aschenbecher.
Bob griff nach seinem Whiskey — und griff ins Leere!
Mein Whiskey!, rief er aus. Er ist weg!
Zoey grinste. Nichts ist perfekt, sagte er.

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§ 16 Antworten auf Rauch Bekommt In Deine Augen

  • Phorkyas sagt:

    …… Bob schreib!
    (Weil der Text mir so gefiel wollte ich schon mit einer “der-Praktikant-packt-aus”-Großinquisitor-Kopie antworten, in der sich auch Bob’s Ausraster breschnew-mäßig hätte einpassen lassen, aber.. das wäre mir als Sakrileg erschienen)
    Phorky schweig!

  • blogozentriker sagt:

    Aber nein! Warum soll Phorky schweigen? Genau das scheint der Text oben mir nicht nahezulegen …

  • phorkyas sagt:

    Dieses Mal meinte ich das wohl auch gar nicht so (selbst-)negativ – mehr, dass ich meine Begeisterung für den Text nicht durch abgedroschenes Lob verderben wollte (Großinquisitor-Vergleich), weil mir als ich ihn las, dieses ganze unnötig-unsinnige Leid, dass man über sich bringt, wenn man einen Text beginnt, auf einmal wieder sinnvoll erschien – und ich wollt ja nicht zu kitschnudlig werden…

  • Schöner Text! Aber er widerspricht in seinem Pragmatismus der These seines Autors, dass man (gute) Texte aus sich heraus quetschen – pressen, wie eine Zitrone – muss, ja, dass das Leid und das Schreiben zusammen gehören (gerade während des Prozesses).

  • poetologozentriker sagt:

    Pressen, pressen, ja, sehr gut so, und atmen … das Atmen nicht vergessen …
    Mit leisem Stöhnen riss der Bauch auf. Ein Textchen streckte sein Köpfchen aus der platzigen Wunde. Eine Zunge glitt frech aus dem Mündchen, züngelte dem Betrachter entgegen.
    Na, schön. Kann ich jetzt ne Zigarette haben?, murrte Bob Macha.

  • Können Sie, Herr Macha, können Sie, wenn ich nur das Textchen ein wenig tätscheln darf, ja? Ich meine, man sieht die so selten, mit Kopf und Zunge und dann noch bei einer Geburt … Wunderbar! Herr Macha, das ist einfach wunderbar!

  • blogozentriker sagt:

    Ja, stellen Sie sich vor. Die ganze Arbeit, und dann diese Scheiße.
    Es hat sich nicht ausgezahlt, meinen Sie?
    Weder finanziell noch sonstwie, nein.
    Was wollten Sie eigentlich mit Ihrem Roman bewirken?
    Bewirken? Ich weiß nicht. Was meinst du, Johnny?
    Der Journalist, Mitarbeiter der “Welt am Sonntag”, wirft einen unsicheren Blick auf Johnny Kröger. Kröger hat sich als “Manager” von Bob Macha vorgestellt. Die ganze Zeit hockt er mit am Tisch in diesem Saal des InterContinental und glotzt auf sein iPhone. Ich hab nun wirklich keine Ahnung, knurrt der bullige Mann mit der Rekrutenschleifervisage. Sag du, was du sagen willst, Bob, oder ich schmeiße den Schreiberling raus.
    Stellen Sie lieber eine andere Frage, flüstert Bob Macha dem Interviewer zu. Dieser räuspert sich: Sie haben von diesem Roman ungeheuer viel erwartet. Sie steckten alles hinein, was Sie hatten, Sie verausgabten sich total …
    Sagen Sie es ruhig: Ich hab mich zugedröhnt wie der Magic Bus! Um auf die Höhe zu kommen, die man brauchte, um etwas Visionäres … na, scheißegal. Visionen! Wenn man Visionen hat, soll man zum Arzt gehen, heißt es. Da ist was dran.
    Und dann der Zusammenbruch.
    Grauenhaft. Bob Macha schaudert es noch in der Erinnerung. Das wünsche ich meinen ärgsten Feinden nicht. Ich sank in ein tiefes Tal, und das ziemlich schnell. Depressionen. Ganz allein, nur ich, das zerknickte, gebrochene Ego. Ohne jedes Echo. Die Hölle. Die Hölle, das ist meine Theorie, ist nacktes Bewusstsein. Hellwach, ohne Blinzeln.
    Was, fragt der Journalist, schnell einen prüfenden Blick aufs Aufnahmegerät werfend, was waren eigentlich Ihre Motive? Wieso schrieben Sie die GONDELN AUS BLEI so, wie Sie sie schrieben?
    Mich kotzte das an, wie die Literatur zur Ware wurde. Diese sogenannte “Popliteratur”, die damals grassierte, die sich aus den Wegwerfspalten der Zeitungen in die Bücher schlich …
    Wobei manche einwenden, auch Ihr Buch sei Pop …
    Es ist kein Pop! Es ist Comic!
    Okay, sagt der Redakteur, aber es ist keine klassische Literatur!
    Was wollen Sie? Dass ich wie Tolstoj schreibe?
    Nein, aber Sie sagten doch eben …
    Es geht einfach darum, sagt Bob Macha, die Stimme hebend und sich noch einmal aufrichtend mit gefalteten Händen, wie viel Achtung man dem Leser entgegenbringt. Benutze ich ihn nur, um ihm meinen Quatsch aufzudrehen? Diese ganzen Wagenladungen billiger Einsichten? Lade ich einfach meine doktrinäre Besserwisserpose vor seiner Haustür ab und empfehle mich dann auf Französisch? Oder respektiere ich den Leser? Sehe ich in ihm jemanden, mit dem zusammen ich etwas schaffen will? Ein Weltgefühl, eine Sensibilität für die Zeit, in der wir leben, eine Art Wachheit oder Aufmerksamkeit für die Realität?
    Darum ging es Ihnen?
    Schreiben Sie das so, sagt Bob Macha. Schreiben Sie es bitte haargenau so, wie ich es eben gesagt habe.
    Soll ich auch die Kraftausdrücke aufschreiben, die Sie verwenden?
    Schreiben Sie alles wahrheitsgemäß auf.
    Ohne Allüren?
    So. Johnny Kröger hat sein iPhone auf der spiegelnden Tischplatte abgelegt. Er schiebt seinen Stahlrohrstuhl zurück. Jetzt reicht’s aber, ich schmeiß Sie raus, Sie Fatzke!
    Nein, nicht FAZ! “Welt”!
    Machen Sie’s gut, ruft Bob Macha dem Journalisten hinterher, als Johnny Kröger ihn am Jackettkragen in die Hotellobby schleppt.
    Ich schick Ihnen das Interview dann zur Autorisierung, ruft dieser über die Schulter.
    Das können Sie sich sparen, entgegnet Macha. Schreiben Sie’s einfach so auf, wie ich’s gesagt habe. Dann ist alles gut.

  • phorkyas sagt:

    Ein Textchen streckte sein Köpfchen aus der platzigen Wunde. Eine Zunge glitt frech aus dem Mündchen, züngelte dem Betrachter entgegen.
    Eine Zungengeburt.

    Lass die müden Witze, brummt Blogo und zieht Phorky die Winchester über die rechte Wange.
    Was’n los, Alter? Sand in der Transzendenzmaschine?
    Ach, der Kernreaktor is schon lange ausgeglüht.
    Und wer soll’s dann hier,.. ich bin nicht mal über das Bananenfrühstück hinausgekommen bei Gravity’s Rainbow , “Krieg und Frieden” weiter ungelesen, das Gesamtwerk Dostojevskij, dieser fiese rote Monolith, staubt weiter ein.
    Stattdessen ziehst du dir jetzt die Hohlkörper rein und Schillers ästhetische Erziehung? Du bist echt ein Wrack.
    Hauptsache, man leuchtet ein wenig bei Nacht.

  • blogozentriker sagt:

    Am Ende müssen sie Phorky abholen, er ist völlig fertig, körperlich, vor allem aber psychisch ein Wrack. Als hätte ein Elefant auf ihm gekalbt, so fühlt er sich. Drillinge, Vierlinge. Er stützt sich mühsam hoch, sein Blick gleitet am roten Monolithen von VERBRECHEN UND STRAFE bis zu den BRÜDERN KARAMASOW, gleitet am Proust ab, gleitet zu Boden, erschöpfter noch als er, sein Besitzer, sein Aussender. Sogar mein Blick ist mit den Nerven am Ende, denkt Phorky (fast amüsiert), und irgendwo hört er eine Stimme (weiblich) sagen: Ja, kein Wunder, wenn du nichts zu dir nimmst als MENSCHEN und Schillers ÜBER DIE ÄSTHETISCHE ERZIEHUNG DER HOHLKÖRPER, wie sollst du da NICHT im Arsch sein, Junge? Krasse Diät, denkt Phorky dann noch, aber geil! Aber geil!

  • phorkyas sagt:

    Na, Gandhi oder Hungerkünstler? – Bob Machas Pranke krachte in Phorkys jämmerlich-eingesunkenes Kreuz. Armer Asket, wartst immer noch auf die Niederkunft, darauf einen tanzenden Text zu gebären?
    Hmrgpflrtsstchgrzzt, grummelte Phorky und verschränkte die Arme. Nich’ mal Faulkner hab ich gelesen.
    Aber Kirregaard, warf Macha aufmunternd ein.
    Und jetzt kranheite ich mich zu Tode für so ein bisschen Doktorarbeitsgestammel.
    Alles nimmt ein Ende.
    Ja, und dann ab in die Provinz… Oder nach Sibirien.
    Ja, das wär doch прекрасна.
    Soll das Kulturgesindel sich doch allein Tode inzestuieren, mein Blut, mein Herz bekomm’se nicht.

  • Phorkyas sagt:

    (.. Fortsetzung ..)
    Bob…, Phorky erhob nach langem Schweigen den Blick. Wir müssen reden.
    Du meinst, du hast deiner Frau das Manuskript gegeben und sie ist, nun ja, linde gesagt, nicht sehr begeistert.
    So ähnlich – das blogozentrische Manifest.
    Ah das. Und sie hat es gelesen..
    Und fand den Anfang sehr gut, bis dieser unnötige Korkenzieher kam. Und ich muss gestehen, als ich dann durch ihre Augen den Text sah, da.. Mensch, warum musst du immer so tief in die B-movie-Kiste greifen, warum deine Texte dekonstruieren, als wärst du der B-Logozentriker.
    Besser immerhin als ein Alogozentriker.
    (Die Aufregung bei den letzten Worten wurde davon begleitet, dass die die käferförmigen Nano-Roboter aus denen Bob Macha bestand, ein aggressives Rauschen mit ihren kohlenstoffbasierten Rücken erzeugten und so die ohnehin schon dämmrige Beleuchtung der Kaschemme bis zur völligen Finsternis herabdimmten)
    Ach, Bob. Warum verweigerst du dich so der Form?
    Nun warte doch endlich bis zum fünften Teil. Es wird sich doch alles klären. Nein, es ist doch alles schon geklärt.
    Ja, so wie es scheint. Es darf keine Form mehr geben, weil der Text unmöglich geworden ist. Es ist die Welt, die dir die Stimme raubt.
    Und eben dies muss ich körperlich durchleben.
    Indem du dich aushöhlst, mit dem Korkenzieher alle Innereien herausschaffst.
    Nein, sie sind doch schon längst draußen. Das ist doch unsere ganze postmoderne Tragik: Es ist schon niemand mehr da.
    Du, Bob Macha der Vielfarbige, möchtest also die Abwesenheit beschreiben, den leeren Raum, unser Vakuum.
    Das wir anfüllen, erzeugen durch unsere leeren Werbetextschnipsel.
    Und deshalb darf nichts leuchten, darf nie der Schimmer irgendeiner höheren Form, einer Transzendenz hinein, weil sie uns in Wirklichkeit auch nicht vergönnt ist, deshalb muss jeden Augenblick, in dem eine höhere Tragik auch nur aufblitzen könnte, dies sofort durch einen B-Movie-Scherz abgefangen werden, muss dieser Roman so volle Kanne vor die Wand gefahren werden, wie diese beiden tragischen Texter dies auch tun würden?
    Nicht würden.
    Ja.
    Ist es nicht tragisch?
    Allzusehr. Und keine Träne. Keine Erlösung. Nirgendwo.
    Macha beugte sich über das kleine Phorky-Textchen, dieses Häuflein Elend und schnippste es in sein Fliegenglas. – Da kommst du jetzt auch nicht mehr mit good old Wittgenstein heraus.

  • koprozentriker sagt:

    Was wollen Sie, was ich tue? Life is a cabaret, old chum. Soll ich Peter Handke imitieren und mich in den Purpurmantel meines Weltschmerzes kleiden? Oder bothostraußgrimmig den Kopf eloquent in den Sand der Verzweiflung stopfen? Ich weiß nicht, in welcher Welt Sie leben, Phorky, aber in meiner Welt geben die Werbeunterbrechungen den Rhythmus vor. Bin ich davon begeistert? Ich kann Ihnen nur sagen, dass Gottfried Benn sich DAMIT nicht herumzuschlagen hatte. Und was soll das mit Ihrer Frau?
    Dostojewskij kam herein; er war mit der Beleuchtung unzufrieden.
    Nein, sagte Dostojewskij, nein! So geht’s nicht! Es ist eine Moskauer Kaschemme, das muss alles dunkler werden, dräuender … bedrückender, seeleninnenräumiger. Die Decke muss gleichsam auf den Tischen hängen … gut so, sagte Dostojewskij, nachdem die Beleuchter hektisch an den Scheinwerfern geschraubt hatten. Entschuldigen Sie, Bob, wandte er sich an seinen Lieblingsnebendarsteller, dass ich Sie unterbrechen musste, aber das geht WIRKLICH nicht, was die hier …
    Bob Macha war die angeheiterte Seriosität in Person. Als ginge es ihm darum, junge Frauen, die in seinen Texten nach Verlässlichkeit Ausschau hielten, auf die Palme zu bringen, flötete er: Schon gut, mein Lieber. Soll ich einfach noch mal bei “DAMIT” anfangen?
    Bob wiederholte also seinen Text. Und Phorky sagte seinen auf: Meine Frau … sie erwartet sich von Kunst nun mal etwas anderes … etwas Trost.
    Seltsamer Trost, den unser Beruf gewährt, was?
    Sie geben eine so negative Vision der Welt, das kann man ja kaum … Phorky biss sich auf die Lippen; Tränen schimmerten in seinen Augen.
    Genau. Bob Macha schlüpfte schnell in seine Lord-Byron-Kostümierung, um seinem hamletischen Monolog auch den letzten Rest von falscher Würde auszutreiben. The Worst-case-scenario, begann er dann, hinkend. Wissen Sie, woran ich glaube, Phorky? Dass man Dämonen austreiben muss. Ausschwitzen. Indem man schreibt. Man darf nicht darauf vertrauen, dass man sie los würde, indem man sie stillschweigend akzeptiert. Und sich auf die angenehmen Aspekte der Besessenheit konzentriert. Ich kann doch nicht so tun (obwohl ich nichts lieber täte als das, by the way), als ob das größte Problem, dem ich mich konfrontiert sehe, die Frage ist, ob ich einen weichen Bleistift verwenden soll oder einen harten! Man muss die Dinge so dramatisch, düster und widerlich darstellen, wie es überhaupt nur möglich ist. Die totale Depression. Ich meine, Phorky! Die Menschen LEBEN diese Depression! Für die meisten ist dieses nicht heraus Können ja Alltag, Normalität! DAS ist doch das Schreckliche! Das Schreckliche ist ja nicht, dass ich eine Satire darüber schreibe, oder meinetwegen ein Pamphlet, ein Palimpsest verbotener Bücher, eine Diatribe – nennen Sie’s, wie Sie wollen. Das Schreckliche ist – Bob Macha senkte die Stimme –, dass die meisten Menschen sich damit abgefunden haben, dass ihr Leben ein Nichts ist.
    Phorky schwieg einen Augenblick; dann sagte er: Nein, der Skandal ist, Herr Macha, dass Sie sich über die Tragödie unserer banalen Existenz lustig machen – über ihre Sinnlosigkeit, Beliebigkeit, Idiotie, Unvollständigkeit … anstatt dass Sie sie mal richtig ans Herz drücken und uns wohlig aufschluchzen lassen!

  • Phorkyas sagt:

    Nun, – hätte man der Phorky-Fliege genauer zusehen könen, als dies ob ihrer Winzigkeit möglich war, so hätte man gesehen, wie sie verlegen auf ihren Vorderbeinen herumdruckste… – Es tut mir leid, ich wollte keinen Frontalangriff auf die blogozentrische Ästhetik fahren. Stand ich nicht schon in den Eingeweiden von Cyclops-Media und wurde ordentlich eingeseift? Nein, das ist ja alles schon vom Griechen, Mete, besser auf den Punkt gebracht worden.
    Ja, nun Mann, was ist dein Punkt?
    Dunno.
    Fuck it, Dude. Let’s go bowling…
    ( http://usuphilosophy.com/2011/09/12/bowling-for-philosophical-truth/ )
    [...einige Zeit später...]
    Mann, bist ja noch ein schlechterer Bowler als Texter.
    Phorky lacht: Ja.

  • blogozentriker sagt:

    Es ist ja wirklich nur eine Ästhetik in progress, ein Herumtasten (ich kann eben nicht mal von “Herantasten” sprechen — heran an was?). Ich bin nicht Daniel Kehlmann. — Sondierungen. Das wäre mir das liebste Wort für meine Textchen. An den definitiven Text, der alles ad acta legt, kann ich nicht glauben; ich will’s auch nicht. Offenheit tut mir gut. Es sind alles nur Versuche, unvollkommen wie ich selbst. Auf diese Unvollkommenheit lege ich Wert.

  • phorkyas sagt:

    Liquid ästhetics oder so ähnlich. Eine feste starre Form fände ich wahrscheinlich auch langweilig.

    (Die Hohlkörper habe ich jetzt zu Bert “small” Bruder verschifft, der sich im Agenturalltag bei ‘Schwarz+Strauß’ so über Wasser halten darf – Mal auf dessen Reaktion gespannt)

  • blogozentriker sagt:

    Bin mal auf DEINE Reaktion gespannt!

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