Small talk, große Bücher

Oktober 25th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ja, nee, das is eher son Hobby.
Kulturkritik? Als Hobby?
Ja.
Bob war spontan begeistert. Auf Partys lernte man zum Teil Menschen kennen … die gab’s im richtigen Leben gar nicht! Der hier zum Beispiel: ein studierter Philosoph, jetzt Grafikdesigner, der in seiner Freizeit über den Untergang des Abendlandes, ja, im “global age” ja vermutlich gleich der ganzen Welt grübelte. Und dabei sah er vollkommen normal aus! Fast einschüchternd normal, eigentlich, monumental normal mit seiner Grafikdesignerbrille, den sorgsam frisierten Haaren, dem auf billig gemachten Edeljackett, der abgetragenen Jeans und den grünen Turnschuhen.
Bob freute sich jedes Mal wie ein Kind, wenn er so jemanden seiner Bekanntenliste im geistigen Facebook hinzufügen konnte. Jochen. Hoffentlich vergaß er den Namen nicht sofort wieder! Leider vergaß Bob alle Namen, die er auf Partys zu hören bekam, meist schon im Augenblick, da er sie hörte. Aber nicht nur Namen. Er war kein Misanthrop, er war nur monstermäßig gleichgültig, auf ehemals panische Art bis in die Knochen gelangweilt. In ihm war eine Leere usw.
Und wer ist da so dein Vorbild? Dein Idol?
Mein Idol?
Ja! Karl Kraus?
Wie? Den kenn ich gar nicht …
Oder kommst du eher so von der Soziologie? Wie wird man überhaupt Kulturkritiker?
In meinem Fall war es so, dass ich Spenglers UNTERGANG DES ABENDLANDS gelesen habe.
Wirklich?
Ja.
Hätt ich jetzt in einem Blogozentriker-Beitrag auch exakt so geschrieben. Der Hinweis auf Spengler — obligatorisch.
Der ist wirklich obligatorisch, ja. An Spengler kommste nich vorbei, wenn du mich fragst.
Der Typ trank sein Beck’s aus.
Willste auch noch eins?, fragte er mich, aufstehend.
Na ja, nein, ich wog meine leere Flasche in der Hand, die angenehm warm war inzwischen, erst mal nicht, glaub ich.
Ich hatte mal aus einer Wohnung, in der ich zur Untermiete wohnte, Spenglers opus magnum mitgehen lassen, beim Auszug. Ein schlechtes Gewissen hatte ich dabei nicht gehabt. Die Bude war überteuert gewesen, und Schimmel hatte sich an einer Wand gebildet, wie ich erst ganz zum Schluss entdeckte. Außerdem war DER UNTERGANG DES ABENDLANDES damals vergriffen gewesen. Also was?
Okay, sagte der Typ und schob ab auf den Balkon, wo das Bier in der kalten Nacht lagerte.

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