Die blondierte Bestie
Oktober 29th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Wegen WAS?
Ihm fallen fast die Augen aus dem Kopf, und ich muss sagen, rückblickend: Ich kann’s verstehen. Im Ernst.
Na ja, murmele ich, es ging um den Roman.
Roman.
Mag ja sein, sagt sein Nicht-mehr-als-”Roman”-Sagen, dass uns die Mafia im Nacken sitzt. Wir sind auf der Flucht seit vier Tagen, im Fadenkreuz der Hochkriminalität. Schön. Und man hat einen unserer engsten Freunde, Thees Klotz, in Stücke geschnitten, angezündet und verscharrt. Auch das ist bedenklich. Unser wirkliches Problem aber ist der Roman. Wohin führt der uns? Menschlich? Und vor allem: Wie geht’s mit dem weiter, mit dem Roman?
Er schüttelt den Kopf, der Tarr. Meine Fresse, presst er heraus, du bist wirklich ne Nummer. Telefonierst ne halbe Stunde, vergeudest auf so eine Scheiße 30 Minuten wertvollster Zeit, die wir vielleicht doch besser darauf verwenden sollten, unseren Arsch aus der Schlinge zu ziehen …
Ich seh’s ja ein, sage ich weinerlich, tschuldige. Mir tut’s echt leid, das war … idiotisch von mir! Ein Flashback, irgendwie. Da hatten wir nur schon so lange Diskussionen geführt, das hat mich irgendwie wieder reingezogen …
Und ich dachte, es wär wirklich was Ernstes!
Sorry, Tarr.
Er schüttelt noch mal den Kopf und denkt kurz nach. Dann sagt er: Was IST denn das Problem mit dem Roman?
Na ja, das haben wir ja versucht zu klären …
Ja, und?
Das Genre scheint irgendwie seine epistemologische Qualität verloren zu haben.
Okay. Tarr kreuzt die starken Arme vor der Brust und nickt. Und weiter?
Ich dachte, du interessierst dich hauptsächlich für Anabolika?
Tu ich auch. Tarr bohrt verlegen in der Nase. Aber ich hab mal ne Doktorarbeit über die SCHLAFWANDLER-Trilogie von Broch angefangen.
Hermann Broch?
Tarr begutachtet ein ungeheuer großes Stück Nasensekret im Prästadium der Versteinerung. Du kennst den?
Na klar! TOD DES VERGIL!
Großartiges Buch, sagt Tarr.
Ich hab’s über die ersten 20 Seiten nie hinaus gebracht.
Was? Das wirst du bereuen.
Du meinst, wenn die Mafia uns kriegt und uns in Scheiben schneidet, bei den kleinen Zehen angefangen, bevor sie uns in Salzsäure auflösen?
Sollte es soweit kommen, sagt Tarr, dann wäre es definitiv für dich ein Trost gewesen, den TOD DES VERGIL gelesen zu haben!
Definitiv?
Definitiv.