Risiken der Lektüre

Oktober 30th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Dr. Kafka, ich hab immer denselben Traum. Denselben wiederkehrenden Traum.
Ach ja, sagt der schlanke Mediziner und faltet die Hände vor dem Magen. Aus seinen eingefallenen Wangen spricht eine abstrakte Menschenfreundlichkeit, die der Menschen als realer Einzelexemplare unendlich müde ist. Rechts neben ihm (von Ihnen aus betrachtet) steht ein Skelett zu Anschauungszwecken, eine Erinnerung ans Studium. Er trägt einen reinen weißen Kittel, bequeme Schuhe, einen Anzug, an dem nichts auszusetzen ist, mit Weste. Er spricht mit leiser, ruhiger Stimme: Wenn Sie das mal beschreiben, diesen Traum?
Ja, es beginnt damit … ich werde angezeigt, ohne dass ich etwas getan hätte! Völlig ohne Grund wird mir der Prozess gemacht! Ich liege ja eigentlich nur im Bett, ich träume, ich warte. Was gibt’s da für nen Grund, mich anzuzeigen?
Sie warten? Worauf?
Ich liege halt im Bett, sagt der Patient, übrigens ein gewisser Gregor S.
Gut, gut. Dr. Kafka hebt sanft die Hand. Das können wir ja auch später noch vertiefen. Fahren Sie einstweilen fort, bitte.
Wie gesagt, dann werde ich angeklagt. Sie wissen ja, wie das ist im Traum — man weiß es einfach, ohne es herleiten, ohne es erklären zu können. Läutet das Telefon? Bekomme ich eine Mail, in der mir mein Angeklagtsein mitgeteilt wird? Eine SMS über meine angebliche Verfehlung? Einen Brief gar?
Der junge Mann, um den es sichtlich nicht zum besten steht, zuckt die Achseln.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es weiß. Das ist alles, was ich weiß: Ich bin angeklagt.
Ja, ja, gut, gut, sagt Dr. Kafka, der jetzt ganz Ohr ist (das rechte, größere).
Das nächste, was passiert, ist, dass ich mich in der Gestalt eines Käfers wiederfinde. Stachelige, hölzerne Beinchen flattern vor meinen Augen.
Augen?
Ich befinde mich in einem Verlies. Noch präziser: Ich stecke in einem Fass.
Der Arzt macht sich ein paar Notizen.
Aha? Ein Fass?
Ein Fass Amontillado.
Was ist das, Amontillado?
Ich hab’s gegooglet. Es ist eine Sherrysorte.
Sie stecken in einem Sherry-Fass, ja?
Richtig.
In einem gefüllten?
Nein, in einem leeren.
Bizarr.
Und das Irrste …
Jetzt bin ich aber gespannt, ruft Dr. Kafka freudig aus.
Dieses Fass steht im Keller einer prachtvollen Anlage. Weitläufig, erhaben und düster. Wie der Keller eines Schlosses, verstehen Sie!
Aha! Das ist das Verlies, von dem Sie vorhin sprachen?
Der junge Mann, Gregor S., beugt sich vor, senkt in klassischer Verschwörermanier die Stimme: Ich bin ziemlich sicher, dass es sich um den Vatikan handelt.

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