Mythen sind innen hohl
November 3rd, 2011 § 5 Kommentare
- Bob. Wo willst du denn …
- Ich? Ich will abhauen, was denn sonst!
- Abhauen? Aber du kannst doch jetzt nicht abhauen! Die Leute da draußen warten alle auf deine Lesung! Der Saal ist proppevoll!
- Ja, eben!
- Hä? Was soll denn das jetzt schon wieder heißen?
- Hilf mir doch mal eben, diese Blumenkübel hier zur Seite zu …
- Stopp, Bob! Komm da runter, was willst du denn auf dem Fensterbrett? Das ist doch gefährlich, wenn du da …
- Ich muss hier raus! Ich muss abhauen, Georg! Was soll ich denn lesen, da drinnen?
- Na, was schon? Ein Kapitel aus deinem Roman!
Bob hielt inne und sah Georg an.
- Du kapierst es nicht, oder?
- Was?
- Es gibt doch diesen Roman überhaupt nicht.
- GONDELN AUS BLEI?
- Ja. Keine Zeile, rief Bob, verzweifelt mit seinen Händen fuchtelnd. Ich hab einen Titel, und das ist alles. Alles andere existiert nur im … in der Einbildung. Und nicht mal in MEINER Einbildung.
Georg, blass geworden, ließ sich vorsichtig auf einen der dick gepolsterten Stühle im Hinterzimmer des Literaturhauses sinken. Mit steifen Lippen brachte er hervor:
- Aber du schreibst doch schon seit 30 Jahren daran? Tout Berlin redet doch seit Wochen von nichts anderem als von der Publikation deines … warte mal! Warte mal! Bist du deswegen vorhin der Begegnung mit deinem Verleger aus dem Weg gegangen?
- Wie soll ich denn ein Manuskript abliefern, Georg, das nicht existiert?
- Und was hast du erwartet, was dich heute Abend hier erwartet? Wieso hast du dich denn bereit erklärt, diesen Termin zu machen? Das kapier ich nicht. Warum hast du das hier nicht abgesagt?
- Ich dachte halt, sagte Bob, sich die Oberschenkel seiner Hose abklopfend, dass ich mich wie immer mit ein bisschen Geschwätz aus der Affäre ziehen könnte. Einfach von dem Roman reden, mich von den Fragen inspirieren lassen. Bislang ist es mir ja immer noch gelungen, die Fragesteller zufrieden zu stellen … aber dass jetzt auf einmal verlangt wird, ich solle aus meinem „Unbekannten Meisterwerk“ vortragen … damit hab ich nicht gerechnet.
- Du meinst, deine Aktentasche ist vollständig leer?
- Wie mein Kopf.
- Da ist kein erstes Kapitel drin?
- Auch kein zweites, kein drittes – nichts.
- Nicht mal Notizen?
- Es gibt keine Notizen.
- Das dürfte das Ende deines Mythos sein, das ist dir klar, ja?
Bob überlegte kurz, die Finger an sein Kinn gelegt. Dann sagte er: – Vielleicht kann man daraus ja einen neuen Mythos spinnen?
Ein Jan-Hendrik Schön des Romans?
Und wenn Mythen hohl sind, was bleibt uns dann als Sinngebung oder Welterklärung? Sind wir die ersten, die in einer Hohlwelt leben oder geht das schon immer von Gefäß zu Gefäß?
Fragen über Fragen. – Meine Antwort zum Hohlkörper wird kommen, dauert aber noch.
Eher ein Harold Brodkey der deutschen Literatur. — Wahrscheinlich geht es wirklich eher darum, dass wir uns in schiefergrauer Vorzeit die Höhle zum existentiellen Vorbild, als Modell genommen haben; wir kommen aus der Höhle, wir bleiben in der Höhle. Die Höhle gibt uns Schutz, sie dichtet uns gegen die brutale Außenwelt ab. Darum sind wir Hohlkörper, also eigentlich wandelnde Höhlen, Höhlenkörper, in die Daniel Dennett seine Meme hineingießen kann, in denen Triebe und Sehnsüchte und Ängste Zeichnungen und Ritzereien hinterlassen, in denen wir trommeln und träumen …
Wir, Troglodyten, wir.
Höhlenkörper, da denke ich genauso an ein warmes, behütetes, beschütztes Inneres, während die böse, rauhe Außenwelt abgeschottet wird während doch aber die Hohlkörper, dachte ich immer, von der Außenwelt entleerte Hohlräume seien?
(Vielleicht ist ja die Außen-Innen-Beziehung irgendwie im Arsch. – Schon die einfachsten Lebewesen, Zellen, definieren mit ihrer Membran ja schon ein Außen und Innen. – Der Fehler war also nicht von den Bäumen zu steigen, sondern schon die ersten autokatalytischen Reaktionszyklen hätte man besser gestoppt, bevor Leben entstünde?)
Glücklich sind wir als Ausgehöhlte, Leere, die in einer Höhle hausen und vom Erfülltsein träumen. Schlimm nur, wenn wir als Winddurchfauchte über weite Savannen ziehen, den Raubtieren zur Beute.
Ist das also Kultur: die Verheißung des Erfülltsein?
..oder des Abgefülltseins?
Ergebnis des zweiteren:
http://phorkyas.wordpress.com/2011/11/05/blogozentrische-asthetik-oder-der-kern-von-hohlkorpern/
..bitte böse beantworten