Text, entstanden bei dem Versuch, ganz blogozentrisch-hohlkörperisch die Kritik einer Kritik zu verfehlen
November 5th, 2011 § 3 Kommentare
Wissen Sie, Gide und seine FALSCHMÜNZER, und dann noch MEISTER UND MARGARITA — Pardon, aber welcher Roman sähe in dieser Umgebung nicht reichlich beknackt aus? Ich will Ihnen aber ein Geheimnis verraten. Es ist ja gar kein Roman. Es ist, wie Sie ganz richtig sagen, ein Metaroman, ein Roman über das Nichtzustandekommen eines Romans. Und zwar kommt für mich, mich persönlich, heute ein ernstzunehmender Roman nicht mehr zustande. Das ist eine ganz idiosynkratische Angelegenheit! Das Hineintauchen in die Kontinuität und Kongruenz einer Geschichte — bitte verzeihen Sie, dass ich Sie mit diesen stümperhaften Fremdwörtern langweile — es ist mir versagt. Seit geraumer Zeit schon. Vielleicht schon immer. Ein Defekt meines Sensoriums, eine Aufmerksamkeitsstörung außerhalb der Schulbänke. Ich schlage einen Roman auf, und ich schüttele den Kopf: Nein, nein, stimmt doch nicht, nein, Quatsch, Pose, wann denn, Banalität, Betrug, das Leben ist nicht so, wer liest denn noch Gedichte (wer las je Gedichte?), wo findet man so zarten Umgang miteinander, Moment: Hochherzigkeit? Das sollen MENSCHEN sein? Usw. Das postmoderne Ende der großen (oder längeren) Erzählungen ist ja kein Postulat, sondern eine Diagnose! Was nun die HOHLKÖRPER anbelangt: Es gibt natürlich auch einen Roman über den Roman über das Nichtzustandekommen eines Romans, witzigerweise von reibungsloser Flüssigkeit wie nur selten etwas in meinem stockenden, verstopften, dickflüssigen, zähleibigen Leben. Geschrieben von Madame Vita selbst. Denn letztlich war es so, dass eine Dame mich auf Xing, diesem entsetzlichen Karriereportal, ansprach und fragte, ob ich nicht ein Manuskript in der Schublade hätte. Aus heiterem Himmel, ohne mein Zutun. Ich hatte nur, eher spaßhaft, ein Grinsen der Verzweiflung, irgendwann mal in mein Profil getextet: Biete Manuskripte. Nun, ich hatte einige Romane geschrieben, die von den Verlagen mal höhnisch, mal freundlich, mal bedauernd, mal patzig abgelehnt worden waren. Sagen wir so: Ich war mit dem Thema durch. Mir reichte es. Die Kultur würde auch ohne mich blühen. Ich hatte beschlossen, mich auf meine käferhafte Existenz als Dramaturg an einer Provinzbühne zu beschränken. Was ich aber tatsächlich vorrätig hatte, war eine neuerweckte Freude am Schreiben satirisch-komischer Blog-Beiträge. Deren Natur war in etwa shortstoryhaft. Also schickte ich der freundlich fragenden Dame einen Schwung von Short Stories. Schauen Sie doch mal rein, sagte ich, vielleicht ist das ja was für Sie! Einen schönen Tag noch! Ich sah als Titel vor: NACKTE SEELEN, wegen der Flüchtigkeit und Luftigkeit des Ganzen (außerdem handelte es sich um eine Hommage an die Megaromane DIE FLÜCHTIGE SEELE und NAKED LUNCH). Woraufhin mir bestätigt wurde, ein Verlag in Hamburg, ein Start-up, ein Neuling, habe somit den Roman NACKTE SEELEN gekauft. Vertrag folgt per Post. Ich wollte niemanden verunsichern durch den Hinweis darauf, dass man von einem Roman ja kaum sprechen dürfe in diesem Fall … und sah mich damit dem Problem gegenüber, wie man aus einem Haufen unverbundener Texte einen Roman schustert? Ich griff also auf die Ästhetik meines grandios abgesoffenen Projekts GONDELN AUS BLEI zurück, montierte, retuschierte, kreierte, schrieb, strich, stellte doch noch mal um und schenkte nach, und irgendwann war ein Roman mit dem Titel NACKTE SEELEN fertig. Leider nicht der erste seiner Art! Es gab schon einen gleichnamigen Roman von einem gewissen Luc de Flo, wenn ich mich recht entsinne, einen Thriller, eine Blutoper. Was mich insofern in Verlegenheit brachte, als eine Freundin, eine hochbegabte Hamburger Künstlerin, bereits die Titelillustration entworfen hatte. Und einen echten Levesque über Bord werfen? Nur weil geschlampt wurde bei der Titelrecherche? Mir schien der Titel HOHLKÖRPER mit der Abbildung einigermaßen vereinbar (das leise Knirschen aus Hamburg überhörte ich geflissentlich), und also nahm ich diesen Titel, klatschte hinten das autorisierte Nicht-Zitat eines Rolling-Stone-Redakteurs drauf und sagte: Viel Vergnügen! Der Roman schildert im wesentlichen mein Entsetzen über die Zustände im Kulturbetrieb, meine Depression angesichts persönlichen Scheiterns und gesellschaftlicher Dysfunktionalitäten und einen Groll, für den ich keinen wahren Grund anzugeben weiß, weil er wahrscheinlich metaphysischen Ursprungs ist. Das Buch gibt dem Leser die Möglichkeit einer Realitätserfahrung; dass ästhetisch eine Sackgasse betreten wird, ist mir auch klar, aber in dieser Sackgasse wohne ich nun mal, was soll ich machen? Ich hab, so gut es ging, aufgeräumt und die nicht vorhandenen Fenster geputzt. Alles Weitere ist ja nun nicht in meiner Verantwortung, sondern tatsächlich Ihre Privatangelegenheit, Herr Phorkyas, wie auch die Entscheidung, ob der Titel im Plural oder Singular zu verstehen sei. Ich weise aber abschließend doch darauf hin — weil Sie ja bedauern, dass der Roman keine Veranlassung sieht, Sie mit den Tröstungen der Kultur zu befüllen —, dass Sie offenbar, wie schon andere vor Ihnen, von dem Roman behext und zu eigener Produktion angespornt worden sind. Wollte ich mehr? Weniger wollte ich jedenfalls nicht. Künstlerisch bleibt das Debakel damit meinetwegen ein totales; menschlich aber darf ich es ein wenig, ein wenig wenigstens, relativieren.
- Herr Blogozentriker, das Nennen der beiden Romane sollte ja genügend relativiert sein – wobei die Falschmünzer ja auch scheitern. Und als ich den vor kurzem las, da ging es mir fast wie Ihnen Ich schlage einen Roman auf, und ich schüttele den Kopf: Nein, nein, stimmt doch nicht, nein, Quatsch, Pose, [..], das Leben ist nicht so. Feinziselierte Gefühlssimulationen. Schön anzusehen und auch psychologisch schlüssig.. aber ich sah mich immer darauf gestoßen, dass es eben nur eine Konstruktion ist.
- Herr Phorkyas, nun suchen Sie aber nicht wieder die harmonisierenden Bahnen des Konsens. Erst schießen Sie mich hier so an und wollen Sie mich auch noch nach Melancholia entführen.
- Herr Blogozentriker, darf ich Sie darauf hinweisen, dass in meiner phorkyadischen Verfehlung einer Kritik, die ästhetischen Probleme, die mich zwicken durchaus als privatim gekennzeichnet waren.
- Und dann husten Sie so etwas trotzdem in das alleröffentlichste Internetz.
- Ach, Blogo, weswegen diese aufgekratzten Töne?
- Was weiß ich, Herr Phorkyas.
- Das mit den Raumanzügen, deswegen schrieb ich das auch am Ende des Textes noch rein, das hat mir sehr gefallen. Wir sind alle Astronauten (nicht nur Herr Mißfelder, um den es in meinem ersten Nicht-Blogeintrag ging). – Aber hätte man das nicht sogar noch auswalzen können?
- Ach, da kommt schon wieder die Konsens-Nudel.
- Und das mit der Produktivitätsanregung: Natürlich ist mir das klar. Ich wollte auch den Link zu der Kritik vom Griechen noch gesetzt haben, habe das aber leider versäumt.
- Herr Phorkyas, wollen wir es für heute nicht besser dabei bewenden lassen?
- Einverstanden.
(Angelehnt an Goscinny, Uderzo “Streit um Asterix”?)
Ich fühle mich keineswegs angeschossen, auch nicht angepisst. Ich hätte es nur als unfreundlich empfunden, auf diese ausgewogene kritische Reflexion eines Lesers nicht zu antworten! — Den Trip nach Melancholia lehne ich natürlich ab, weil dieser Allzuweitreisende früher oder später in die Erde rasen wird, wenn man den dänischen Orakeln Glauben schenken darf, und dann sind wir ja wieder da, hier, mittendrin in der Bescherung!
Finde ich sehr gelungen!