Oh, nein, nicht schon wieder: eine Reflexion über den Roman

November 8th, 2011 § 7 Kommentare

Was ist eigentlich der WAHRE Inhalt eines Romans? Eine spannende Fabel – ja, gut. Braucht’s die? Wie spannend ist denn Prousts Fabel? Er ging früh schlafen, war’s nicht das? War das nicht der Clou? Oder James Joyce, sein ULYSSES. Die Story: Ein jüdischer Anzeigenverkäufer läuft durch Dublin, redet, wichst und trinkt. Und denkt. Was für ein Thriller! Noch schlimmer ist ja der Fall des ZAUBERBERGs. Da passiert auf 700 Seiten gar nichts mehr, bis sich am Ende völlig überraschend der Naphta in den Kopf schießt, dieser katholische Action-Fanatiker. Natürlich macht heute, im Zeitalter der Massen, jeder Leser sein Recht auf Unterhaltung geltend. Wenn man Gebühren zahlt, ist das ja auch naheliegend. Der Blutkreislauf muss ein bisschen in Schwung gebracht werden. Die Gedanken müssen friedlich in den Schlaf geführt werden, durch einfache, verständliche Sätze, die der Leser, und das ist ja fast das Geheimnis eines erfolgreichen Romans (den man immer am Rande des Einschlafens liest), entweder liest oder nicht – egal. Völlig egal. Diese Sätze sind einfach nur Werbepausen auf der Netzhaut des Denkvermögens. Ich sage das ganz zynisch. Oder diese Sachen mit Pilzbefall an Weichteilen, von denen im Fernsehen so viel geredet wird – das ist doch alles nur darum überhaupt für jemanden interessant, weil er dann seinen eigenen Stuss aus sich herausquasseln kann, sein persönliches Leid scheinbar formalisieren (zu einem Text machen) und damit objektivieren. Quatsch! Persönliches Leid ist völlig uninteressant für jeden, der es nicht erfährt! Die Wahrheit ist, dass jeder, der diesen Dreck liest, plötzlich die Hoffnung hat, dass auch in ihm ein Bestseller schlummert. Als wäre so ein Bestseller die Garantie dafür, dass der Verfasser menschlichen Inhalt hat! Da wäre ich eher vorsichtig, muss ich sagen … eher geht’s um Wochenendhäuser. Dass jeder eine Sexualität hat, ist ja schon schlimm genug, da muss man nicht auch noch ein Buch drüber schreiben. Kurz und gut: Der eigentliche Inhalt eines Romans liegt in der Form. Ob jetzt ein Anstreicher beschließt, Maler zu werden, oder ein PR-Texter nach Tanger reist, um dort für das Unvorstellbare, Gefährliche und Phantastische PR zu machen – das ist egal. Das sind die Inhalte, in der Hinsicht sind wir heute natürlich beschränkt. Wir können ja kaum von einem Krieg fabulieren! Afghanistan, das betrifft uns ja auch alle nicht. Das ist ja auch nur so ein Feuchtgebiet, ein Aufmacherthema, aber doch kein Sujet für einen ernsthaften Roman! Meine Eltern, die sind vom Krieg zertrümmert worden, für die war Krieg ein Thema, auch ohne allen feuilletonfreundlichen Exotismus mit Hindukuschpanorama. Ach! Diese ganzen Neurosen! Das ist so, als wenn ich Leichen male, das ist doch bescheuert!

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§ 7 Antworten auf Oh, nein, nicht schon wieder: eine Reflexion über den Roman

  • phorkyas sagt:

    BAAAMMM! Völlig irre der Typ. Der hatte einfach die ganze Suhrkamp-Bibliothek hochgesprengt. Den Brennspiritus hatte er jedoch nicht nur über die Bücher, sondern auch in seine Kehle gegossen. Jackie Chans verwirrende Technik des Drunken-Bloggings. – Nicht einmal der Blumenberg war unversehrt geblieben. Ich zog ein reichlich angekokeltes Exemplar von Goetz “Irre” aus den Papierfetzenhaufen. Er taumelte weiter durch Ascheberge.
    “Und was is nu,” lallte er, “wenn wa alllls zu Ende dekonstruiert ham, poststruktalisiert, mostpodernisiert, was bleibt dann?” Er war ein wenig gestrauchelt, fing sich aber sogleich.
    “Diese Narrative, das sach ich euch, die ham sich auserzählt, kann der Schirrmacher noch so lang faseln, auch die Codes müssten nur in Erzählunnngn transformatiert wern. Nix. Bullshit. Das sin’ doch alles Leichenfledderer. Nich Gott ist tot, Viel Schlimmer: der Roman. – Und mit ihm der Mensch – Und sie, so pietätlos, alle bedienen se sich die Aasgeier. Bestsellerlisten rauf und runter spiel’n se Marionette mit Leichenteilen. Zombieliteratur!, sach ich euch. Ob E U, I O Literatur völlisch wurscht. Die schnippeln nur noch hier und da, collagieren Kollagen oder..” Wieder ging die Lampe fast aus, als er nach irgendeinem Wort stöberte.
    “Silikon!” rief er triumphierend.
    “Genau meine Rede, Mann!”, prostete ich ihm noch mit meinem Champangnerglas zu, während sich sein Bewusstsein endgültig verabschiedete..

  • blogozentriker sagt:

    Ich frage mich wirklich, wie sich aus solchen Wortmeldungen je eine überzeugende, tiefschürfende und ZEIT-taugliche Kommentarkultur beim Blogozentriker entwickeln soll!

  • Phorkyas sagt:

    ZEIT-tauglich ist das doch allemal, Sie müssen sie nur ersetzen durch:
    “[Kommentar gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion.]“

  • Georg Dietz sagt:

    Es ist traurig, oder richtiger vielleicht sogar: tragisch, dass sich in einer Zeit, da Chuck Norris an allen Fronten endlich die ihm lange verweigerte Anerkennung genießt (u. a. in Form populärer Internetwitzchen), ausgerechnet der Blogozentriker, sonst ein High-End-Produkt, was das L’Avantgarde-pour-l’Avantgarde-Sein anbelangt, in seinen Kommentarfeldern mit Jackie-Chan-Skurrilitäten vollmüllen lassen muss.

  • Phorkyas sagt:

    Pfff.. Chuck Norris, gerade aus L’Avantgarde-pour-l’Avantgarde-Gründen darf es der doch nicht sein… Da die neue Avantgarde bestimmt bei so manchen Retro-Dingern vorbeitingelt, kann man sich doch jetzt schon eindecken.
    Und überhaupt kann Chuck Norris noch so lange durch Null teilen, den kickt der Jackie mit seinem Gipsbein doch locker weg.

  • Greif C. Bengtson sagt:

    @PHORKYAS: Jetzt reicht’s aber wirklich! So einen Quatsch kannste auf Begleitschreiben.com posten, aber hier doch nicht!

  • Werbepausen auf der Netzhaut des Denkvermögens, schön, auch wenn ich nicht ganz verstehe wie Netzhaut und Denkvermögen zusammenpassen (wir wären wieder hier).

    Im Schriftlichen lässt sich das vielleicht besser trennen, als in der Musik, aber hier wie dort lassen sich Form, Ästhetik und Inhalt nicht von einander entkoppeln. Oder?

    Könnte sich hinter dem Bestseller nicht das genuin menschliche Bedürfnis besonders, einzig oder speziell sein zu können, verbergen?

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