Dittemann verließ seine Wohnung.

November 9th, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Genau genommen war es nicht SEINE Wohnung, weil natürlich seine Frau die Eigentümerin war und seine Frau mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte. Wegen einer 17-Jährigen, das stelle man sich mal vor! Dittemann arbeitete als Abteilungsleiter bei einer Versicherung, er tat, mit anderen Worten, gar nichts, als Verträge zu begutachten. Das tat er mit einem müden Auge, denn meist stimmte ja alles, und fiel ihm doch einmal etwas auf, eine klitzekleine Unrichtigkeit (er wusste inzwischen genau, in welchen Ritzen sich solche bevorzugt versteckt hielten), rief er den zuständigen Sachbearbeiter zu sich und sagte ihm in harschen, klaren Worten, dass es so nicht ginge, dass ein Minimum an Sorgfalt ja wohl vom Angestellten einer der größten Versicherungen Europas erwartet werden könne!
Und dann war halt diese 17-Jährige aufgetaucht, Schülerpraktikantin, die mal sehen wollte, wie das so ist, das Leben in einer Versicherung. Anja. Schon der Name, dachte Dittemann jetzt, so banal, wie es sich für das Schicksal gehört. Anja, Anagramm von „banal“. Nettes Lächeln, klar, und all die Vorzüge eines minderjährigen Bodys, das ganze Naivitäts- und Unverbrauchtheitsprogramm, aber doch volle Kante banal. Denn das Verhängnis tritt ja allenfalls in Schmonzetten mit lauten Fanfarenklängen auf, in miesen Filmen und beschissenen Inszenierungen. In der Wirklichkeit trägt es hingegen die Maske totaler Durchschnittlichkeit, sonst könnte man ihm ja auch leicht aus dem Wege gehen. Aber wer denkt bei „Anja“ daran, dass die Trägerin dieses Namens einem das ganze Leben demolieren kann? Mit ein bisschen Gefummel und Reingestecke und Mundaufreißen, mit einem vorletzten verzweifelten versoffenen Abend in einer Bar, mit einem Ausbleiben ohne Entschuldigung, mit verlegenem Gestammel und bohrenden, vorwurfsvollen Blicken am Morgen.
Oh, Mann, dachte Dittemann, ich steck echt bis zum Hals in der Mittelstandsscheiße!

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