Schriftsteller und Schauspieler. –

November 10th, 2011 § 11 Kommentare

Während der echte Schriftsteller für das Schaffen schafft, sich also absolut in sein Werk versenkt, selig ist im Abtauchen in den Zeilenfluss und sich von seiner Tätigkeit (die ja keine Tätigkeit ist) aufnehmen lässt wie die Tinte vom Löschpapier, braucht der Schauspieler den Spiegel des Publikums. Der Schauspieler ist gewissermaßen auf den Widerstand der Blicke und des kollektiven Atems angewiesen, der ihm unter die Flügel schwimmt wie die Auftriebsluft dem Adler, oder vielleicht ist ein besserer Vergleich ein Rettungsboot, das auf den Wogen der Begeisterung tanzt (er kann nicht schwimmen? Während der Schriftsteller selbst zum Meer wird, zum Strom, zum Weißen Wal, zum besessenen Hapunier?). Der Schauspieler orientiert sich an den Reaktionen der Zuschauer, wie man sich beim Einparken an den Bildern im Rückspiegel orientiert, wohingegen der Schriftsteller sich allein der Logik seines Materials ausliefert und nur einem fernen Gesang folgt – er parkt blind ein. Der Schriftsteller ist am Ende seines Tuns (das ja eher ein Getanwerden ist) erleichtert-erschöpft; er fühlt sich glücklich überrascht, wenn sich herausstellt, dass jemand für das, was er als Ekstase erlebt hat, seine Miete zu bezahlen bereit ist. Der Schauspieler dagegen hat vom ersten Moment an nichts als die Belohnung, den Beifall, die Anerkennung, im Auge. Der Schriftsteller ist sich selbst genug; dem Schauspieler genügt es, wenn es den Leuten gefällt. Den Schriftsteller sehen wir in der Rolle des Idealisten, er entspricht unserer Vorstellung des Weltvergessenen (und allzu leicht wohl auch von der Welt Vergessenen). Der Schauspieler ist realistisch durch und durch, geradezu gefesselt an die Tatsachen, ans Klatschen einer Meute, die für ihn anonym bleibt. Er ist das Gesicht des wilden Massentiers, in welchem dieses sich selbst wiedererkennt. Der Schauspieler bezieht sich, um es so zu formulieren, selbst aus der Gesellschaft, der Schriftsteller ist reines, bezugsloses Werden. Der Schriftsteller sickert mit seiner Tinte in die Welt. Was diesen und jenen eint: Verhungern tun sie beide. Außerdem sind ihre Positionen keineswegs an ein Handwerk gebunden: Es ist leicht einzusehen, dass es ebensowohl unter den Schriftstellern Schauspieler gibt, wie sich andererseits auch unter den Schauspielern zuweilen Schriftsteller finden.

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§ 11 Antworten auf Schriftsteller und Schauspieler. –

  • Was für ein profanes Bild vom Schauspieler ist das denn? Oder verwechseln Sie Schauspieler und Schausteller? wollte ich schreiben, aber dann haben Sie mir die Möglichkeit genommen, mit diesem letzten Satz. Gut geblufft.

  • blogozentriker sagt:

    Sie haben auch gut geblufft — und Ihren Kommentar doch noch über die Kommentarfeldziellinie gebracht. Chapeau!

  • blogozentriker sagt:

    PS: Sagen Sie ruhig “du”, wenn Sie wollen. Am Theater macht man das so. Das soll im Welttheater dann nicht anders sein!

  • Ja, schön und ein überraschendes Spiel mit dem Leser, der sich auf den Schematismus einlässt.

  • blogozentriker sagt:

    Ja, Himmel! Aber es ist ja kein SPIEL! Das Spiel ergibt sich, aber es ist eigentlich ein Akt strengster Selbstkritik! Ich gehe mir selbst an die Gurgel, dem Menschen, der seine Phantasie nach und nach prostituiert, an das Massending Oberarsch verkauft hat! Man sollte ja eigentlich wie ein Kind schreiben, das ein Igel werden will, wenn es von einem Igel erzählt … und stattdessen wird man Marketingmanager, der den Igel optimal ausleuchten will, während er jemand anderen einen Copytext über dieses possierliche Tierchen schreiben lässt. Ich glaube, schon wenn man über das Schreiben immer so redet, als wäre es etwas, das man von außen betrachten kann — wenn man beispielsweise den Roman verteidigt, behauptet, postuliert –, dann wird man zum Schauspieler. Der eigentliche, der wahre Drang ist das Schreiben, das Kritzeln, das Tippen, das Lispeln, das Stottern, das Stolpern. Das Lallen. Und Labern. Das Fallen von Satz zu Satz, alles andere hingegen sind schon Bedürfnisse, die keineswegs natürlich in uns …
    - Bob, kommst du? Essen ist fertig!
    - Oh! Ah … ja.

  • Das Schreiben ist das Spiel, so sehr, dass man es vergißt.

  • blogozentriker sagt:

    Nein. Die eigene Existenz, sonst erkennungsdienstlich ja lückenlos erfasst, zum Spielfeld werden lassen. Sie ins Werden setzen, den CV auflösen zu einer Variation in C-Dur. Wirklich selbst zum Spiel werden, das meine ich. Und die Mitspieler, die einem sonst immer das Spiel verderben, erträumen dürfen.

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