Die einzig richtige Art, die HOHLKÖRPER zu kaufen
November 11th, 2011 § 3 Kommentare
Für Phorky und die Tomate
Sie betreten die Buchhandlung Ihres Vertrauens. Zum Buchhändler, einem Kauz mit verstrubbeltem weißen Haar und einer halben Brille auf den Nasenflügeln, sagen Sie: – Ich hätte gerne einmal die HOHLKÖRPER, bitte.
Der Buchhändler blickt Sie über seine halbe Brille hinweg an. Verwirrt. Hinter ihm erheben sich stumm und hehr die Regalwände. Prall gefüllte Wortphalanxen.
- Die HOHLKÖRPER, wiederholen Sie, in etwas strengerem Ton.
- Ja, aber was …
Der Buchhändler zuckt ratlos die Achseln, Sie marschieren stracks an ihm vorbei, zur Belletristikabteilung.
- Na, sagen Sie forsch (gern können Sie sogar die Hände reiben, um den Effekt zu verstärken), was ist da so schwer, da schaut man halt unter M, wie “Mattheis”, und da findet man dann …
Sie bleiben vor dem Bücherregal stehen. Blicken von “Thomas Mann” zu “Cormac McCarthy”. Lassen den Blick eine Weile auf dem feinen schwarzen Spalt zwischen den beiden Autoren ruhen. Blicken danach noch einmal zurück, zu “Tanja Lüders”, blicken wieder voraus zu “Robert Menasse”. (Fühlen Sie sich frei, zur Illustration Ihrer Suchbewegung mit dem Zeigefinger über die Buchrücken zu fahren!)
- Das gibt’s doch nicht, murmeln Sie. Und, sich umwendend, sagen Sie laut: Sie haben offenbar das letzte Exemplar der HOHLKÖRPER schon verkauft?
Der Buchhändler steht noch da, wo Sie ihn haben stehen lassen. Er sortiert seine Gedanken. Es ist ganz offensichtlich, dass er noch überlegt, wer jetzt hier der Idiot ist.
- Tja, sagt er schließlich, dann werde ich Ihnen das Buch wohl bestellen müssen. Seine Augen blitzen auf; er hat einen Gedanken gefasst. Unverzeihlich, sagt er, dass ich nur ein Exemplar der HOHLKÖRPER geordert hatte, aber, er schiebt die Brille auf seiner Nase aufwärts, in der letzten Woche war der Absatz etwas schleppend gewesen, ich dachte, vielleicht ist der Run schon vorbei …
- Dann, sagen Sie, und Ihr Herz hüpft dabei, dann bestellen Sie am besten gleich mal einen ganzen Schwung. Vielleicht zehn Exemplare?
Daraufhin wird Ihr Buchhändler Ihnen einen Blick zuwerfen, der von Hilflosigkeit und Skepsis durchdrungen ist.
Lächeln Sie! Aufmunternd!
Den neuen Mattheis bitte!
- Den neuen…? Sind sie sicher?
Aber ja!
- Und Sie wollen ihn…?
Klar, lesen.
- Sind Sie, ich frage ungern ein zweites Mal, aber sind Sie tatsächlich sicher? Ich meine…
Meinen sie nichts, sonst macht ein anderer das Geschäft. Ich will ihn und zwar nur ihn.
- Das ist keine leichte Kost, ich habe da zufällig einen Kehlmann liegen, auch neu, der ist vielleicht etwas für Sie!
Unterstehen Sie sich! Wollen Sie mich beleidigen!
- Nein, ich, verzeihen Sie, ich meine, es ist nur: Ich kann das nicht verantworten … [er legt die linke Hand an den Mund und flüstert] … gestern war dieser Macha wieder hier, ein Verrückter, völlig irr der Typ, er ist hinter jedem her der die Hohlkörper liest oder auch nur kauft … ich weiß nicht was ihn umtreibt, jedenfalls, ich gebe ihnen eins, nein, das passt schon, ich schenke es ihnen, aber geben sie Acht, er wird gewiss auftauchen … und, das sollten Sie wissen: Er lässt niemals locker. Einen schönen Tag noch!
Ja, und, äh, danke!
So langsam bekomme ich Angst vor diesem Bob Macha … dabei war mir einst so (ich hab das in alten Notizbüchern neulich noch gelesen), als hätte ursprünglich ICH IHN erfunden. Aber auch Dr. Frankenstein macht ja die Erfahrung, dass ihn am Ende sein Monster (aus Leichenteilen zusammengeflickt, by the way) bis ans Ende der Welt, ins und übers Packeis, jagt … Wahrscheinlich ist es auch sehr viel plausibler, dass dieser Bob Macha, wer auch immer er sein mag, einen gewissen Robert Mattheis, der mit dem Leben sowieso durch war (verzagt und versagt), engagierte, damit er für ihn die körperliche Hülle für einen kybernetischen Schreibautomatismus abgab, als dessen Resultat ein frankensteinesker, zuckend-pseudolebendiger Fast-Organismus (die Nahtstellen alles andere als elegant verarbeitet) mit dem Titel HOHLKÖRPER auf die Versandlisten von amazon.de wanderte … das ist eine Geschichte, will ich damit sagen, die wenigstens den Vorzug einer minimalen Logik für sich reklamieren kann.
Also der Gang zum Buchhändler steht mir ja erst noch bevor. Aber der Entschluss, einen veritablen HOHLKÖRPER zu erstehen, hat sich mir nach all der fiesen Schleichwerbung für dieses Werk ereignet. Da ich selbst ein völlig Verrückter bin, kann mich auch kein Macha der Welt mehr davon abhalten. Vom Entschluss. Und mein Buchhändler ist gewöhnlich so gewieft, dass er gleich 10 pralle HOHLKÖRPER auf die Theke knallt, wenn ich nur schon “Hohl…” hauche. Ich will vorerst doch nur einen. Was ich mit den andern 9 machen könnte, überleg ich mir aber auch noch.
Schöne Grüße
Tom, die tom-ate