Sechstens: Handlungsbedarf im Handelsmarketing
November 24th, 2011 § 9 Kommentare
Mark Grafl gab ein komisches Geräusch von sich. In seinem Kopf formte sich aus Bruchstücken der letzten Nacht, aus Bildern und Fetzen von Klängen, Gedächtnisspuren und wildem Lippenstiftgeschmier, der Gedanke: WIR SIND IN DER FORMEL 1 DES HANDELSMARKETINGS!, während seine Augen das Manuskript abtasteten, das ihm sein neuer Texter da auf den Tisch gelegt hatte.
Gehen wir systematisch vor. Was Mark Grafl wusste, war, dass er motiviert war, und nicht zu knapp, dass er für seine Branche, das Handelsmarketing, brannte. Erstens. Was er zweitens außerdem wusste, war, dass mit diesem Skript, einer Idee für einen Film, der für ein hochpreisiges Automobil Werbung machen sollte, etwas nicht stimmte. Als Drittens ließe sich eventuell hinzufügen, dass dieses Etwas, das da nicht stimmte, nach seinem vagen Gefühl sogar ein ganzundgares war. Da stand, sagen wir’s mal so, Handlungsbedarf im Raum.
Mark Grafls Blick wanderte zu seinem Texter. Ein junger Mann, den er für hoch begabt hielt, für die kommende Pole-Position-Feder seines Unternehmens. Ein wirklich versatiles Bürschchen, Bob Macha.
- Setzen Sie sich doch, sagt Mark Grafl, was stehen Sie denn da herum, um Gottes willen?
Er legt seinen dunklen Schlips erneut sauber auf die Knopfleiste seines Hemds. Er denkt dabei: Vielleicht bin ich doch nur ein Idiot … aber solange es keiner merkt?
Viertens nahm Bob Macha Platz. Mit schüchterner Miene. Ein leichtes Lächeln kauerte in den Mundwinkeln. Auf der Nase prangte knalliggelb und erdbeerrot ein Pickel. Er legte seine Hände flach auf die Tischplatte, wie etwas, das ihm gar nicht gehörte.
Fünftens legte Mark Grafl seine Finger beherzt ineinander und beugte sich vor. Dabei platzierte er die Ellbogen durchaus nicht zufällig auf dem Skript, dem einen weiteren Blick zu gönnen er nicht gesonnen schien.
- Das geht so nicht, lieferte er als Kommentar zu seiner beinahe beleidigenden Geste. Die erste und oberste Regel in unserem Geschäft, Bob, fuhr er fort, wieder nach hinten schnellend, ist: Taste nie, hören Sie, Bob: NIE! Tasten Sie NIE das Fahrzeug an! Er sprang aus seinem face2buns auf. Das Auto, rief er, laut genug, dass auch die blonde, biestige Kreativdirektorin im Nebenzimmer kurz von ihrem fleißigen Bildschirm aufschaute, das Auto ist – unerträgliche Spannung hing jetzt im Raum, seinem Empfinden nach – das Auto!
Bob Macha. Bob Macha, er blinzelt. Bob Macha, er zieht sein Hosenbein hoch. Linkisch bewegt er in dem fast etwas engen Jackett die linke Schulter.
- Das Auto, räuspert er sich, ist das Auto?
Mark Grafl presst seine dicken Fingerchen an die niedrige, breite Stirn.
- Gewissermaßen, sagt er, ja. Vielleicht ist das noch nicht die perfekte, die endgültige Formulierung … vielleicht muss man dieses Bonmot nicht in Stein meißeln, aber Sie verstehen sicher, Bob, was ich Ihnen zu sagen versuche … dass es nämlich nicht angeht, sondern im Gegenteil einfach ein No-go ist, dass Sie in Ihrem Film ein Auto explodieren lassen wollen! Und dann noch auf der Autobahn! Bei 180 Sachen! Und selbst wenn Sie sagen (Grafl fuhr heftig herum, sein Schlips schwang orientierungslos durch den Raum): Aber Tom Cruise kommt doch mit dem Leben davon – das ändert an der Sache nicht das Geringste! Denn das Auto, es ist, äh … nun mal … das Auto.
Siebentens, denkt er, bin ich wahrscheinlich doch einfach dumm!
Die Vorlage steil umgesetzt. Guter Pass vors gegnerische Tor. Aber jetzt. Hm, das Tor könnte man ja vielleicht explodieren lassen und das Auto lacht dazu locker vor dem Rewirpowerstadion? Oder ist das schon wieder abgelatscht?
Da solltest du aufpassen, Explosionen werden hier zensiert. Außerdem verstößt es, glaube ich, gegen Blogo-Ethos, das Ding jetzt auch zu verwandeln. Der Text muss nur steil wie eine V2-Rakete volle Kanne in den gegnerischen Strafraum gerammt werden, der Rest ist dann eh’ Sache des verwirrten Publikums.
Hm, Zensur? Phorkyas, schon vergessen wir sind im Krieg, Werbung ist die Weiterführung dessen, was Politik nicht erreicht hat: den 3. WK. Also, da MÜSSEN schon Explosionen auf die Bildschirme!
wir sind im Krieg
das erklärte so einiges der Blogokommentarspaltendynamik?
Es geht um die Eroberung der Hirne, dieser indifferenten Hohlkörper, die mit Werbung abgefüllt werden müssen, damit sie endlich funktionieren. Was für ein edler Feldzug und wir sind mitten drin.
So wie in Jack Vance: Krieg der Gehirne?
Hab ich nicht gelesen. Geht’s da nicht um Aliens?
Ist auch ziemlicher Pulp, aber eigentlich ne nette Metapher für Ideologien.
(da gibt’s so Wesen, die sich mit Saugnäpfen von hinten, in anderen Dimensionen, an deinen Kopf andocken und deine Gedanken/Gefühle beeinflussen – einer befreit sich mit irgendeiner Maschine von diesen Tentakeln und wundert sich dann, dass auf einmal alle Menschen auf der Erde so feindlich gegen ihn sind.. usw. usf.)
Ja, nett. Aber jetzt los zum Seminar über virales Extremmarketing. Dann der Durchbruch.