Name, Unterstrich, Zahl
November 28th, 2011 § 6 Kommentare
Sie lernten sich übers Internet kennen. Er, gebürtiger Wiener und Student der Philosophie, sie eine Grafikdesignerin in Hamburg. Die Liebe war jäh und groß. Sie schrieben sich mehrfach am Tag, versicherten sich der Unmöglichkeit ihrer Liebe, leisteten sich Zuspruch, es jeweils mit dem Partner auszuhalten. Dann schmerzerfüllte, tragische Telefonate, in denen sie sich ihre wechselseitige Eifersucht gestanden. Du im Bett mit ihr, und du, am Tisch mit ihm, dann in seinen Armen … es war zum Verzweifeln. Er war in festen Händen, sie auf der Suche nach einer großen Liebe, wobei sie einiges ausprobierte. Dass sie sich überhaupt kennen gelernt hatten, hatte ihre ganz solide gefügten Leben auseinander gewirbelt. Dabei hatte eigentlich alles ganz harmlos begonnen, auf einem Portal, auf dem man sich über Musikvorlieben austauschte. Sie war supertina_24, er war Grummlfix. Schnell war man von Songs zu Neurosen übergegangen, zu Familienkrisen und Angstattacken. Ganze verkorkste Werdejahrgänge wurden da ausgeschüttet, in einen gemeinsamen Kessel, und stetig hoch gekocht. Endlich wurde ein Treffen beschlossen. Die Telefongespräche waren ja ganz zufrieden stellend verlaufen, aber als er dann aus dem Zug stieg, in Altona, und sie am Ende des Bahnsteigs stehen sah, wusste er, dass es am ehrlichsten gewesen wäre, gleich wieder einzusteigen. Sehr viel ehrlicher, als gegen seine Gefühle anzukämpfen, sich in einen verlorenen Tag hineinzulächeln. Die Gefühle reagieren unendlich schnell. Sie gab sich auf dem Weg zu ihrer Wohnung distanziert, suchte Abstand, beinahe verlegen. Was ihn, der ja ohnehin merkte, dass etwas nicht stimmte – dass die Phantasie, die auf die Ferne funktionierte, den Nähetest nicht bestand –, zusätzlich irritierte. Verärgert saßen sie zusammen, eine Wand aus Gift stand zwischen ihnen im Raum, bis sie ein Video einlegte, CLOCKWORK ORANGE von Stanley Kubrick. Das Ende des Films fehlte, und so gingen sie noch unerlöster in eine Kneipe, um einen gemeinsamen Bekannten zu treffen. Irre, dachte er, irre. Später lag er sogar neben ihr im Bett, starrte, sein Herz ein tiefes finsteres Loch, in dem ein verzweifeltes Tierchen wimmerte, an die Decke. Am nächsten Morgen stahl er sich davon, bevor sie noch auf war. (Vermutlich lag sie wach im Bett und wartete darauf, dass er verschwand; ein Fremdkörper, der schmerzhaft in ihren Träumen stak.) Später saß er im Zug und las ein Taschenbuch. Das Misstrauen, das durch diese Episode gegen das Internet in ihm gesät wurde, hielt vor.
Schön, aber warum der letzte Satz?
Weil er den Kommentar: “Schön” relativiert. Fändest Du’s auch noch schön, wenn Du mich erlebtest, wie ich den Text vorlese? Oder stieße Dich diese morbide Selbstverliebtheit des Vortragenden, seine Unfähigkeit, das Schöne der Illusion zu erkennen und erkennend zu verklären, womöglich ab, weil Du mir den Schnitt meiner Hemden übelnähmst?
Tut er aber nicht, zumindest kam ich beim Lesen nicht auf die Idee, dass das seine Aufgabe wäre (deshalb die Frage).
Ja, jetzt musst Du mit diesem Satz eben leben, mete!
Wie ich gerade gelesen habe muss ich mit noch ganz anderen Dingen leben.
Tja, jeden von uns erwischt’s mal. Viel Glück!