Das Holz, aus dem die Helden sind

Dezember 1st, 2011 § 3 Kommentare

Nennt mich Hippopolemos. Ich bin sicher die unbekannteste Berühmtheit der Weltgeschichte. Zahllose Generationen von Gymnasiasten mussten sich mit meinen Erlebnissen herumschlagen – ohne dabei auch nur einen Gedanken an mich zu verschwenden. Odysseus hat mich erschaffen, die Griechen haben mich benutzt, dann haben die Menschen mich vergessen.
Ich bin das Hölzerne Pferd, durch dessen weitläufigen Bauch das Schicksal Trojas entschieden wurde. Das Gekrabbel, Gebrabbel und Gefurze in meinen Eingeweiden, all diese kleinen bärtigen Griechen mit ihren schlechten Manieren und ihrem pathetischen Geflüster, all die heiseren „O“-Töne, wenn Sie verstehen, was ich meine … ich war SO froh, als die verdammten Trojaner sich endlich dazu durchrangen, das Tor zu öffnen, um mich in die Stadt zu lassen. Ilion. Und weit draußen die unbemannten Schiffe der Achaier, dem Sonnenuntergang entgegen segelnd … irre. Die sind echt voll drauf reingefallen, die Illioniken! War schon eine tolle Zeit, wenn ich so darüber nachdenke … natürlich ziemlich brutal, klar, wie die Griechen dann alles platt gemacht haben. Das Blut floss durch die Straßen. Nicht etwa sinnbildlich, sondern heiß und rot, ein Schwall von Körpersaft, eine Sturzflut des Grauens! Und all die Toten, deren Gliedmaßen in der trüben Brühe schwammen.
Wissen Sie, was meiner Meinung nach das Schlimmste von allem war? Die Augen von Kassandra! Wie sie zu mir hoch geblickt hat … sie hatte es ja gewusst, sie hatte ja vor mir gewarnt, vor dem, wofür ich ein Symbol war, was sich in meinem Innern verbarg … Aber andererseits – was geht das alles ein Pferd an? Was geht es ein Pferd aus Holz an, wenn die Menschen sich mit Feuer und Eisen gegenseitig fertig machen? Was hatte ich denn getan? Ich hatte meinen Job gemacht, basta. So seh ich das.
Nach dieser Sause fiel ich in ein tiefes Loch. Stichwort: Arbeitslosigkeit. Ich war ein Grieche in Kleinasien, ein Fremdkörper. Keiner sprach meine Sprache, keiner sah aus wie ich. Und da ich die Sprache der Menschen in jenem fremden Landstrich nur bröckchenweise verstand, tat ich mich ziemlich schwer, Anschluss zu finden – von Freundschaft ganz zu schweigen. Meist saß ich bei einem Buzbağ oder einem Villa Doluca auf einer Bank vor einer Gaststube und quatschte in meinem Rausch zufällige Passanten an. Mehr als ein paar freundliche Worte sprangen für mich aber nie dabei heraus. Manchmal setzte es sogar Hiebe.
Die meisten können mit einem überdimensionalen Holzpferd einfach nicht viel anfangen, selbst wenn es nicht so eine kontroverse Geschichte hat wie ich. Da gibt’s ungeheuer viele Vorurteile.

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§ 3 Antworten auf Das Holz, aus dem die Helden sind

  • Welchen Job denn? Dazustehen? Ansonsten: Witzige Idee!

  • blogozentriker sagt:

    O mete, sehr, sehr viele Aufgaben hatte dieses Pferd: Griechen in den Bauch aufnehmen, sich hinters Tor rollen lassen, dann Sorge tragen, dass pünktlich alle herausspringen aus dem Bauch, Haltung bewahren … natürlich ist “Job” auch ein klitzekleines bisschen ironisch! Nie hätte ich erwartet, dass ein Leser daran Anstoß nehmen könnte. Aber Sie belehren mich ja in dieser Hinsicht LAUFEND eines Besseren!

  • Laufend, jawohl! Nein, ich hatte mich da falsch erinnert, das passt schon wie es ist.

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