Theater, reine Gegenwart

Dezember 1st, 2011 § 5 Kommentare

Ich tu mich schwer mit der Präsenz. Die Präsenz ist schon ein harter Brocken. Ich hab mich auch immer schwer getan mit dem Präsens, aber die Popliteraten haben mir das ausgetrieben. Die haben die Jetztigkeit von allem dermaßen arg akzentuiert, sind so herumgeritten auf dem Punktuellen, Flüchtigen, Vorläufig-Spontanen jeder Äußerung und Wahrnehmung, dass einem ja letztlich nichts anderes übrig blieb, als wie jeder andere Handelsmarketing-Kasper auch zu schreien: JETZT, JETZT, JETZT! Und der Satz: KAUFTEN Sie JETZT ein Brot!, der geht ja nicht. Das ist ja Schwachsinn — schlimmer, das ist Konjunktiv! Das geht ja nicht mal als Werbung durch! (Von Dichtung, die dickere Bretter, dichtere Bretter bohrt, ganz zu schweigen.)
So hat sich also die etwas rüschige Philosophie des Präsens durchgesetzt. Als heißgelaufener Sprachgebrauch. Als ständiges An-die-Tür-Klopfen. Erstaunlicherweise ging das einher mit einem Rückgang der Präsenz. Wir ziehen die Aufzeichnung dem Erlebnis vor. Oder? Ich glaube, die meisten bevorzugen sogar die DVD vor dem Kinoabend. Im Sinne von: Sag mal, Schatz, ich war grad ein bisschen abgelenkt; kannst du den Anfang noch mal abspielen? Ist da wirklich erst ein Pferd zusammengeklappt und dann ein blauer Planet in die Erde gerammt?
Und Schatz sagt: Oh, Mann, ich wollte SOWIESO lieber BLUE VALENTINE sehen!
Und du, Pardon, Sie so: Dann geh doch ins Kino!
(Ganz leise, nur für mich hörbar: Blöde Hure!)
Wer geht denn heute noch in Live-Veranstaltungen? (Ich finde, dass Pop-Konzerte nur in Ausnahmefällen gelten; das ist in aller Regel Konserve aus der Konserve, also die kunstgetreue Reproduktion am Schneidetisch entstandener Hörerlebnisse, nachgespielt zu Playback von Handpuppen. Beabsichtiger Effekt: Ach, wie zu Hause!)
Wirklich live ist das Theater. Was das heißen soll? Hat ein Schauspieler einen schlechten Tag, hilft auch kein Hit aus. Es gibt im Theater nämlich keine Hits, mit der einen Ausnahme: SEIN ODER NICHTSEIN. Aber der Hit ist hier auch schon zu Ende. Was bleibt, sind 120 Minuten reine Ratlosigkeit.
Ein Live-Erlebnis ist, wenn es ohne Erinnerung an etwas zuvor Stattgehabtes auskommt. Das ist live live. Das wirklich allererste Mal. Wenn man keine Ahnung hat, was als Nächstes kommt. Wenn die Dauer der Veranstaltung vor einem liegt wie ein dunkler Wald.
Theater z. B. ist deshalb immer live. Notgedrungen. Einen zweiten Besuch kann sich ja keiner leisten! Man geht also beim ersten Mal immer auch zum letzten in eine Vorstellung. Meinetwegen GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD, von Horváth.
Ich meine, ich seh genauso wenig Horváth wie Sie. Wer sieht denn schon Horváth? Ist doch Quatsch. In Büchern vielleicht, die Buchpreise gewinnen, da ist Horváth Stammgast. Es gibt Horváth-Phasen im Leben, aber auf Dauer? Auf Dauer ist Horváth eine quadratisch zugesägte Waschbetonplatte auf dem Weg ins Vergessen.

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§ 5 Antworten auf Theater, reine Gegenwart

  • Phorkyas sagt:

    Phorky (schaut in die öligen Schlieren seines Instantkaffees) Bin ich noch da – oder doch schon so seinsvergessen, dass da nichts mehr anwest im Da.
    Blogo (haut ihm in die Rippe) Jetz stell die trübe Tasse doch mal wech.
    Phorky (schaut melancholisch zu ihm auf) Aber kann man mir nicht irgendein Glasperlenspiel geben oder Elfenbein oder irgendeine hehre Erkenntnis?
    Blogo – Is leider kurzfristig nicht im Sortiment.
    Und was sollen wir dann machen, während wir hier warten?
    Hast nicht noch einen Blog dabei? Dann könn wir da reinkritzeln.
    Hmm.. Nö, keine Lust.
    Weiß dein Kirregaard nicht was zum Jetzt und Augenblick, der ästhetischen Präsenz.
    Ich möcht grad nicht drüber reden.
    Saure Gurke.
    Pissnelke.
    Seetang.
    Algenextrakt.
    Sauerampfer.
    Heilerde.
    Ich zensier’ dich gleich.
    Von deiner Internetpräsenz? – ich bin doch gar nicht da.
    Genau da – da bin ich der Ich bin da-da.

  • blogozentriker sagt:

    “Nach dem irren Oslo-Killer: Hat Phorky psychische Probleme?”, fragt sich heute die “BILD”. Völlig wertfrei dokumentieren wir obiges Bekennerschreiben. Bleibt nur die Frage: Wie lange noch?

  • phorkyas sagt:

    Phorkys Augen wandern irr umher, ängstlich wendet er sich um. Sind sie schon auf seinen Fersen? Er ist doch gar nicht schützophren (Titanic) und übersinnliche Kräfte hat er auch nicht. Warum sollten sie also Maschinengewehr-Adorno auf ihn hetzen? Weil er noch an die Existenz unheilbringender Planeten glaubt oder die Präsenz von Axel Siefers Kontrabaß?
    Klappe zu, Affe tot.
    Jaja, is ja gleich vorbei.
    Jetzt. Genau. J..

  • Präsenz als Kennzeichen der ökonomischen Verfasstheit unserer Welt, von Gier, von Begierde, aber auch von Modernität. Dem gegenüber steht eine andere Art von Präsenz, die nichts als bloße (intensiv erfahrene) Anwesenheit (Tätigkeit) ist. (Der Gedanke kam mir bei Lesen der ersten Zeilen und ich sehe, dass Du auf etwas sehr ähnliches hinaus willst.)

    Ich bin mir nicht sicher was Du mit “Stattgehabtes” meinst, aber diese andere Art von Präsenz genügt sich selbst (erfährt sich selbst).

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