Ein Auszug aus den MEMOIREN EINES SPAZIERGÄNGERS von Fritz von Viellach
Dezember 2nd, 2011 § 2 Kommentare
- Liebling, rief ich durch den Flur, meinen Kaschmirschal um den Hals schlingend, ich gehe mir eben einen Roman kaufen! Auch ein paar Schritte in der frischen Luft werden meinen Bronchien gut tun …
- Oh, aber beeil dich, wir essen doch gleich!, antwortete meine Frau aus der Küche.
- Iss du deinen Braten mal schön allein, rief ich lachend.
- Verpiss dich doch einfach, du Hurenbock!, kam das eheliche Echo lauthals über mich.
Ich flitzte also die Treppe hinab und auf die Straße. Den Spazierstock schwingend, schritt ich aus.
Ich freute mich auf den neuen Roman. Ein Freund, Shaun Anderson, Lyriker und Tenniscrack, hatte mir das Buch per SMS empfohlen, und da ich ohnehin gerade auf der Suche nach einer stimulierenden Lektüre war, wollte ich es mir schnellstmöglich holen.
Während ich meine Stammbuchhandlung betrat, fing das Handy in meiner rechten Manteltasche an zu brummen; es war Felicitas von Lovenberg, die mir ihre Begeisterung über mein Memoirenbuch ausdrückte.
Sie kreischt immer so, aber sonst ist sie sehr nett.
Ich gab Herrn de Roëlle, einem exilierten Pariser, das Zeichen, dass ich noch einen Augenblick für mein Telefonat benötigte, bevor ich zum Bestellvorgang übergehen könne.
- Ein Kapitel muss aber noch rein, sagte ich ins Sprechgitter meines mobilen Fernmeldeapparats, da schreib ich grad noch dran, Feli! Das Werk ist noch nicht fertig!
Die Lovenberg, die eine so kluge wie enthusiastische, eine so engagierte wie korrupte Frau ist, sagte, das sei doch eine Selbstverständlichkeit, das sei doch klar, sie habe nur vorab schon mal ihre kritische Position markieren wollen; überdies habe sie mein Buch ja auch noch gar nicht gelesen, nur einen Waschzettel überflogen, ich könne also ganz nach Herzenslust noch in Ruhe daran arbeiten.
Das Wort “Herzenslust”, sagte sie noch, das sei ihr wichtig!
Ich ließ mein Mobiltelefon zusammenschnappen und sagte:
- Monsieur de Roëlle, ich suche von einem gewissen Robert Mattheis einen Roman, ein Geheimtipp, der Titel ist: HOHLKÖRPER!
Mein Stammbuchhändler erbleichte, schickte einen bestürzten Blick durch den Laden (es stand freilich nur eine alte Dame mit hellgrauem Hut und ockerfarbigem Mantel am Ständer mit den Postkarten), packte mich am Arm und zog mich in Richtung Ladentheke.
- Sind Sie wahnsinnig, dieses Buch hier zu erwähnen?, zischte er. Damit muss man doch diskret umgehen! Wenn Sie jemand hört, oder wenn mich gar jemand dabei beobachtet, wie ich Ihnen das Buch verkaufe — er warf wieder einen Blick auf die alte Dame, doch diese war in eine Wolke seniler Begriffsstutzigkeit gehüllt –, dann bin ich erledigt! Dann kassieren sie meine Lizenz!
- Pardon, Pardon! Ich hob flehentlich-beschwichtigend meine Hände. Es lag keineswegs in meiner Absicht … ich hatte ja keine Ahnung …
- Warten Sie, hier. Monsieur de Roëlle drückte mir ein in Packpapier eingeschlagenes, überraschend dünnes Buch in die Hand. Stecken Sie es gleich in Ihren Mantel, lassen Sie es verschwinden, beschwor er mich, seine Stimme gewissermaßen dampfend von dem immensen Druck, der den armen Mann erfüllte.
- Was schulde ich Ihnen?, rief ich noch, von meinem Stammbuchhändler bereits auf die Straßen Bochums hinausgeschoben.
- Nichts, Sie schulden mir nichts, rief der weißhaarige Gentleman, die Ladentür mit einem Klingeln hinter mir zudrückend, Sie schulden mir überhaupt nichts!
Bochum ist irgendwie der richtige Ort für den Spaziergänger.
Arbeiterstadt. Klasse.