I’am bus

Dezember 2nd, 2011 § 6 Kommentare

Er war eine jener poetischen Seelen, aus denen nie ein Dichter wird.
Dafür gibt es viele Gründe. Vielleicht ist es Zartheit des Herzens, ein Übermaß an Takt? Seinen Mitmenschen Stunden über Stunden ihrer Lebenszeit zu rauben, nur damit sie hinterher sagen können, sie hätten das Buch von dem und dem gelesen, einem echten Dichter — das ist nicht jedermanns Sache. Mancher ist sich darüber sehr wohl im Klaren, dass all diese leere Zeit gefüllt sein muss und dass es edlere Weisen gibt, die Leere zu füllen, als das Lesen mittelguter Romane. Und vielleicht spürt unser Fallbeispiel ja, dass er mehr als ein mittelguter Romancier nie sein wird?
Gedichte wiederum — Gedichte sind heikel. Wer schreibt heute denn noch Gedichte? Man muss schon bekloppt sein, um heute noch Gedichte zu schreiben. Gar nicht, weil es nicht die höchste menschliche Tätigkeit wäre, Gedichte zu verfassen. Das ist wohl nicht zweifelhafter als das Spielen irgendwelcher Ballerspiele. Man kann seine Welt so retten und so. Durch Kugeln oder im Vers. Nein, aber wer liest diese Gedichte dann? Missverstehen Sie mich nicht! Natürlich gibt es da draußen Leser, auch Leser von Gedichten! Wir sprechen von einer potentiellen Leserschaft von sieben Milliarden Menschen! Schreiben Sie irgendetwas, es wird einen begeisterten Rezipienten geben. Sie können sogar Haikus auf gebrauchtem Toilettenpapier schreiben, ich fürchte … nun, wie auch immer. Darum also geht es nicht. Die Frage, die uns beim blogozentriker ja zwanghaft (dieses Wort nicht ohne Gedanken gewählt) beschäftigt, gar umtreibt, ist: Wo hält die Welt? Was ist der Stand des Weltgeists? Sie wissen schon, wie damals Hegel das Gefühl, nein, das Bewusstsein hatte, mit seiner PHÄNOMENOLOGIE DES GEISTES Goethes FAUST einzuholen, so dass sie gemeinsam über allem thronten im Mittag des Denkens.
Was wäre in der Hinsicht heute anzuführen? INFINITE JEST, von David Foster Wallace, das man allgemein (bis auf Rainald Goetz) als genial lobt? Oder der Film THIS MUST BE THE PLACE, mit einem wunderbar aus den üblichen Gleisen gerückten Sean Penn? INCEPTION? THE DARK KNIGHT? Oder THE WIRE von HBO, von dem uns die Redakteure des SZ-Feuilletons versichern, die Serie stelle das zeitgenössische Pendant zu einer Wagner-Oper dar, das momentane ganz, ganz große Ding? Oder kommt das Kunstwerk-to-end-all-Kunstwerke womöglich wirklich aus einer Programmiererschmiede und entfaltet sich in eines Nerdusers 15-Quadratmeter-Butze zu einem Universum schillernder Trickmagie?
Wahrscheinlich ist die Zeit vorbei, da man mit Schreiben mehr erreichen kann, als einem Verzweifelten, Verstörten, Ermüdeten, Gelangweilten oder Lesehungrigen ein paar schöne Momente zu bescheren. Ein paar Momente des: Wie war das?
Vielleicht gab es auch nie eine andere Zeit, und wir vom blogozentriker sind auf der völlig falschen Fährte. Das würde einiges erklären. U. a., wieso wir den eingangs erwähnten jungen Mann, den als Dichter zu bezeichnen wir so hartnäckig zögern, komplett aus den Augen verloren haben. Wir sind einfach durcheinander, verdattert, orientierungslos.

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§ 6 Antworten auf I’am bus

  • tom-ate sagt:

    Im Mittag des Denkens (schön, ist der von Ihnen?) muss so Kleinkraut neben dem Bewusstseinsstrahl des End-Werks auf der Strecke bleiben. Das ist nur folgerichtig. (The Wire – guter Tipp)

  • blogozentriker sagt:

    Der hohe Ton! Er provoziert das Sie, auch wo das kollegial-kollektive Medium ein solches keineswegs nahelegt.

  • Victor sagt:

    Hmhm, tom-ate, stilsicher wie immer.

  • Das Beste was passieren kann, ist, dass alle darüber reden und einige schreiben, vielleicht Jahrhunderte lang — und sonst noch? Dass es lebenspraktische Auswirkungen hätte? Meinen Sie das? Ich bitte Sie, man liest doch, um sich das Lebenspraktische vom Leib zu halten!

    [Mit Butze ist die Butzenscheibe gemeint?]

  • blogozentriker sagt:

    Ja, das ist der materialistische Standpunkt. Geist, das gibt es nicht, Kunst ist nur Geschnatter. Objektiv gesehen kommt diesem ganzen Zinnober keine Bedeutung zu … wir sind Eintagsfliegen, die mehr in ihre Ausscheidungen hineinlesen, als unserer geistigen Gesundheit zuträglich ist! — Das mag so sein, mete, Sie als Naturwissenschaftler, die Sie tagtäglich mit versteinerten Darmwürmern Umgang haben, Sie sehen die Dinge in diesem Licht. Aber trotzdem ist da eine Beunruhigung, bleibt einfach ein Zucken der Hand, Flöhe unterm Fleisch. Mag sein, dass es Nonsense ist — aber sagen Sie das mal dem inneren Schweinehund, der alle besiegen will! Billiger als Psychopharmaka ist es übrigens allemal …

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