Reisen um’s Skriptorium

Dezember 5th, 2011 § 12 Kommentare

Okay. Zack. Szenenwechsel.
Nicht immer nur die eitle Selbstbespiegelung des Literaten, die wurstige Nabelschau des Medienprofis! Auch mal das echte Leben einlassen in all seiner verrotzten Dürftigkeit. Das, was unterm Tresen klebt, zeigen, nicht immer nur die Gespräche davor. Bakterien, Kakerlaken, Mitesser. Gibt’s nicht auch jede Menge Achselschweiß beim Umsichschlagen? Zieht nicht jede Sause einen Kater nach sich? Und wofür braucht unsere Gesellschaft all diese irrwitzigen Mengen Klopapier, wenn nicht, um sich den Arsch abzuwischen?
Also, Schnitt, und wir sehen Bob Macha, wie er sich eine Rinderhälfte auf die Schulter wuchtet. Chicago. Schlachthaus. Hier, wo Tiere auf die gleiche Weise zerlegt werden, wie man zwei Fabriken weiter Autos montiert, nur exakt andersherum. Hier hast du die Wahl: Entweder du funktionierst, oder du hast keine Wahl mehr. Afrikaner, denen nichts Antilopengleiches eignet, stehen mit Bob zusammen auf der Paylist, natürlich auch viele Asiaten und Leute, deren Namen auf -owski enden. Der Umgangston ist, wie vordem beim blogozentriker, rau, aber mit Spuren einer aus der Not geborenen Herzlichkeit gesprenkelt. Die saure Solidarität der Untermenschen.
Man trägt weiße Kittel, die nicht lange weiß bleiben. Nur bis zur ersten Rinderhälfte. Das ABC der Handgriffe, man muss es aus dem Effeff beherrschen. Auch hier wollen Absätze gemacht sein, saubere Schnitte gezogen, ein Sinn für Proportionen in Anwendung gebracht.
Bob Macha macht einen wackeligen Schritt nach rechts, ein Ausgleichsmanöver, stabilisierend, da die Last ihn seitlich wegdrückt. Kräftemäßig ist er dem neuen Beruf noch nicht acht Stunden am Tag gewachsen. Trotzdem: Seinen Stylo gegen das Messer getauscht zu haben – Bob bereut den Schritt nicht. Ursprünglich wollte er ja bloß eine Reportage schreiben, im Wallraff-Stil, von ganz unten hoch leuchten bis ganz nach oben, damit man die Arschlöcher in den Chefetagen gut sehen kann, weit klaffend wie der Grand Canyon, Finsternis total.
Dann aber verliebte Bob sich in dieses Milieu. In den Mief. In das zähneknirschende Miteinander. Und nun sieht er einem ganz neuen Leben entgegen. Die Leselampe hat er gegen einen Glühweintopf getauscht, und anstatt mit der Fackel der Wahrheit durch eine Bart tragende Menschenmenge zu ziehen, lötet er sich mit Sprit allabendlich richtig zu. Er lebt ein Leben, das mit Worten nichts mehr zu tun haben will, das sich den Worten entzieht. Ihm behagt’s, ihm taugt’s, er vermisst nichts. Er empfindet keine Trauer, wie unsere Kamera langsam in die Totale zurückschwebt, hinauf unter das Fabrikhallendach, der Höhe der Entscheiderbüros zu, der Zigarrenrauchersphäre, dorthin, wo die improvisierten Lügen wuchern und der Krebs der Intrigen, wo auch Bob einst zu Hause war und wo er heute wohl auch manchmal noch ist, mitten in der schwarzen Nacht, wenn ein Albtraum ihn ausgespuckt hat ans Ufer seines nebelverhangenen Bewusstseins.

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§ 12 Antworten auf Reisen um’s Skriptorium

  • Herr Macha, wir werden Sie vermissen!

  • tom-ate sagt:

    Schöner Titel, aber: “um’s” ?

  • blogozentriker sagt:

    “Reise um mein Zimmer” meets “Reisen im Skriptorium”. Und dann so ein altfränkisches Apostroph dazwischen gewuchtet, um der Sache prämodernes Gewicht zu verleihen. Was ist daran zu beanstanden?

  • tom-ate sagt:

    Nichts. Paul Auster jedenfalls ist Klasse.

  • phorkyas sagt:

    @tom-ate: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/literatur-die-unreifen-verehrer-amerikanischer-helden-13886.html (ist zwar a Schmarrn, aber seit Brooklyn Follies hab ich nix mehr von ihm angerührt)

  • tom-ate sagt:

    Mir ist vor allem dieser Fogg aus Mond über Manhattan noch lebhaft in Erinnerung, wie er als Obdachloser in NY vegetiert und in psychotisches Erleben abgleitet. Auf der Suche nach sich selbst kann die Welt entgleiten… ;-)

  • phorkyas sagt:

    @tom-ate: Mir sind immer noch “Im Land der letzten Dinge” und “Invention of Solitude” am eindrücklichsten in Erinnerung – allerdings ist Auster bei mir ein schwieriges Thema: einerseits habe ich keinen anderen Autor so vollständig gelesen und er ist somit für meine Roman-Sozialisation gewissermaßen verantwortlich; andererseits haben die “Brooklyn Follies” mir wirklich den Rest gegeben, so dass ich meine Roman-Sozialisation grundlegend in Frage gestellt sah: Hör’ mal was liest du da für’ne bürgerliche Bestätigungsprosa!

  • blogozentriker sagt:

    @ Phorky: Vielen Dank für diese unvermutete Offenheit. Ich verbinde mit Auster vor allem das MOND ÜBER MANHATTAN-Erlebnis. Für mich ist das sein “major work”, das mich sehr impressioniert hat. Tatsächlich ist er einer der Autoren, die immer den gleichen Roman schreiben, scheint mir. Was er natürlich auf eine Weise tut, die einem sehr gefallen kann.

  • Phorkyas sagt:

    Tatsächlich ist er einer der Autoren, die immer den gleichen Roman schreiben, scheint mir.
    Wahrscheinlich hat mich “Mond über Manhattan” deshalb nicht mehr so beeindruckt. Und wenn ich dann auch noch höre, dass er im Skriptorium nun alle seine Romanfiguren wieder auftreten lässt, dann ist doch ein Maß an Selbstreferentialität überschritten, dass ich mir denke, ich les doch lieber mal was Neues.
    (Aber “Ghosts” aus der “New York Triology” fand ich z.B. auch noch sehr groß)

    Aber zurück zum Thema. Der Fleischer Bob – ich glaub ich bin ihm schon begegnet.

  • Phorkyas sagt:

    [Schreiben wir aber nicht immer nur den einen gleichen Text?]

  • blogozentriker sagt:

    [Sind wir nicht immer nur die Kommentatoren unserer eigenen Kommentare?]

  • phorkyas sagt:

    [Was, werter Naphta wollen Sie damit andeuten? Die Unmöglichkeit der Selbsttranszendenz, unser ewiges Gefangensein in den Hamsterrädern unserer eigenen Gedankenkreise?
    - Aber nein, Settembrini, Sie sollten doch nun mit meiner Technik des schnellen Cuts bestens vertraut sein, die gerade den radikalen Perspektivbruch ermöglicht; uns so auch außerhalb unserer selbst placieren kann. - Hier sollte hingegen das Rad der Selbstreferentialität so weit gedreht werden, bis es aus den Fugen gerät.
    - Ja, aber gerade diese Technik. Ist sie nicht äußerst.. ungesund?
    - Krankhaft, verdorben, infam? Haben Sie etwas Angst vor der exzentrischen Positionalität des Menschen?
    - Nein, aber in der Ihren kreist die Sonne wieder um die Erde. Falsche Sterne erblühn.
    - Falsch, falsch? Wer will den gleich normativ werden. Sonne, Erde, das ist doch nur eine Frage des Bezugssystems.]

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