Lee Strasberg wäre entzückt gewesen

Dezember 6th, 2011 § 2 Kommentare

Ach, du …
Ich spucke den Kaffee zurück in meinen Pappbecher und drehe mich gereizt zu der Stewardess um, die mit ihrem Wägelchen durch den Gang zwischen den Sitzreihen zuckelt.
Hömma, Lady, sag ich, was ist denn das für ne Plörre hier?
Sie lächelt charmant: Stimmt was nicht, Sir?
Ja, sag ich, dieser Kaffee hier stimmt nicht! Und zwar stinkt der gewaltig zum Himmel, wenn Sie’s genau wissen möchten! Der schmeckt wie Jauche!
Sie bleibt der Linie treu, die ihr keckes Mützchen ihr vorgibt: Charme bis zum Umfallen. Möchten Sie vielleicht Zucker dazu?, säuselt sie. Oder Milch?
Nein, sage ich, Kaffee!
Da sagt sie doch tatsächlich (das Mädel ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen): Hab ich leider nicht dabei.
Und grinst mich an. Und schiebt ihr Wägelchen weiter.
Um mich herum fangen die Mitreisenden an zu kichern, und ich ziehe mich mit einem Grummeln schon hinter meine Zeitung zurück, da kommt’s gleich mal noch dicker.
Es sind insgesamt drei Terroristen. Zwei Araber, ein Typ und eine Frau, und ein Hüne aus Norwegen, vom Scheitel bis zur Sohle Kraftklischee in Blond. Also, ich mache wirklich ne Menge Krafttraining und habe Brustmuskeln, wie Tina Turner zu ihren besten Zeiten einen Arsch hatte, aber der Kerl da schießt den Vogel ab. Dabei fängt er schon an, kahl zu werden! In seiner rechten Faust trägt er ein Messer, mit dem er einen Wal aufschlitzen könnte. Die Araberin fuchtelt mit einem weniger gewaltigen Exemplar herum, aber für ein Robbenbaby dürfte es immer noch reichen. Der Dritte in der Bande hat einen Revolver in der Hand; er sieht ein bisschen aus wie Franck Ribéry, mit dieser fiesen Narbe mitten durchs Gesicht.
Wenn ich jetzt einem von der Flughafensicherheit in New York in den Arsch treten dürfte, würde ich ihn bestimmt bis zum Madison Square Garden befördern. Der Bursche würde nie wieder sitzen können, glauben Sie mir! Mich haben sie vorhin abgetastet wie einen verdammten Schwerverbrecher, haben mich mit ihren Geigerzählern geröntgt, haben mir sogar die Eier gekrault, und jetzt das!
In der Economy Class hat man wirklich IMMER Scherereien!
Ihr könnt euch freuen! Ihr seid auserwählt! Ein Märtyrertod erwartet euch, verkündet der blonde Hüne mit Stentorstimme. Wir werden mit dieser Maschine ins Empire State Building fliegen!
Billiger Abklatsch von 9/11!, ruft einer, ein dicker Blonder mit Schwabbelbacken, und sofort ist die Araberin zur Stelle und schneidet ihm seine Nase ab.
Autsch!
Der Norweger erhebt erneut die Stimme: Es geht nicht um Originalität! Es geht darum, ein Zeichen zu setzen! Ein unmissverständliches Zeichen, das die Welt das Zittern lehren wird!
Gebildete Menschen würden von einem Menetekel sprechen, murmelt eine alte Frau neben mir.
Sagen Sie das lieber nicht zu laut, gebe ich mit einem Grinsen zurück. Sonst können Sie in Zukunft auch durch den Mund riechen …
Okay, fassen wir zusammen: Wie ist die Lage? Die Lage ist beschissen. Aber Kraft und Waffen und die Dummheit der Sicherheitsbehörden sind nicht alles in dieser Welt. Auf die Technik kommt es an, auf Körperbeherrschung und Kaltblütigkeit, auf einen Sinn fürs Timing. Verstehen Sie?
Ich packe mir, als der Araber an meinem Sitz vorbeischlendert, seine unvorsichtigerweise ausgestreckte Rechte und presse ihm die eigene Revolvermündung in den Bauch, benutze also seinen Wanst als Schalldämpfer. Trotzdem fliegen hinten ein paar Fleischlappen heraus, klar, aber weitere Schäden bleiben aus. Im Herumwirbeln hab ich dem heranstürzenden Norweger schon mit einem Rückwärtstritt die Machete aus der Hand geschlagen. Während er noch seine fünf Sinne sortiert, ramme ich dem Mädel ein Plastikmesser, das ich mit zwei Fingern vom Klappbrettchen eines Nebensitzes fische, ins rechte Auge. Der Norweger hat sich derweil berappelt und spannt seine Muskelberge an, doch sind diese so groß, dass das Anspannen ne Weile dauert. Zu lange. Ich verpasse ihm einen Kick unters Kinn, der Arnold Schwarzenegger, Ralph Möller und Jean-Claude Van Damme in eins erledigt hätte. (Wäre Dolph Lundgren ein Kerl und nicht bloß ein Schauspieler – Sie können mir glauben, ich hätte ihn in meine Aufzählung mit einbezogen. Gleiches gilt übrigens für Bruce Willis.)
Beeil dich, Bob, ruft jemand aus den hinteren Sitzreihen, dieser Artikel ist schon verflixt lang!
Die Araberin (später erfahre ich, dass sie aus dem Libanon kommt) windet sich auf dem Boden und stöhnt. Das weiße Plastik ragt ihr aus der Wunde, die einst ihr Auge war. Eine Blutlache macht sich breit. Ich erhebe meine Stimme: Ist hier ein Arzt an Bord?
Ja!
Und ich bin Hilfssheriff! Aus Wyoming!
Ein bulliger, freundlicher junger Mann mit schon ergrauenden Haaren unter seinem Stetson und nagelneuen knallblauen Jeans zückt seine Handschellen und versorgt den bewusstlosen Norweger. Ein schlanker Afroamerikaner mit Paul-Auster-Augen widmet sich derweil der medizinischen Erstbehandlung der Frau.
Um den toten Terroristen kümmert sich jemand anders. Ich hoffe, dass dieser Jemandanders ihn hart ran nimmt. Verdient hat das Schwein es auf jeden Fall! Ich grinse, während ich mir die Höllenqualen des Schurken ausmale.
Hey, und ich?
Der blonde Fettsack, der vorhin so vorlaut war, versucht immer noch, die Blutung in der Mitte seines Gesichts zu stoppen, aber das Blut sprudelt munter zwischen seinen Fingern hindurch.
Will sich vielleicht auch mal einer um mich kümmern, hä?
Bald darauf landen wir. Ich kann mir einige freundliche Worte anhören, das können Sie sich denken! Ich meine, ich bin an Ovationen gewöhnt, aber das hier ist schlimmer als der Rote Teppich bei der Oscarverleihung! Gerade noch, dass man mir nicht die Klamotten vom Leib reißt. Ein dicker Türke, hinter dem sich seine ganze siebzehnäugige Familie staut, grapscht nach meiner Hand und schiebt die Lippen vor: Darf ich die Hand küssen, Sir, die unser Leben gerettet hat?
Nein, sage ich brüsk und bringe meine Flosse in Sicherheit, sie hat auch viele andere Dinge getan!
Seine kleine Tochter knipst mich derweil mit ihrem iPhone. Bestimmt wird sie später am Tag versuchen, ihre Bilder an die Yellow Press zu verschachern.
Eine Frau fängt mich am Ausgang ab. Sie drückt ein Baby an ihre Schulter, ihr Gesicht ist von unkontrollierbarer Dankbarkeit zu einer grotesken Grimasse verzerrt. Sie stammelt: Ich, wie kann ich Ihnen … das war das mit Abstand Wunderbarste, was je ein Mensch für uns …
Ich grinse und klopfe ihr wortlos auf die Schulter. Auch sie macht heimlich ein Foto von mir.
Unten an der Gangway stehen dann die Piloten und die Stewardessen Spalier. Ein paar lokale Fernsehsender sind ebenfalls zur Stelle.
Mr. Bond, fängt der Copilot mit einem ausufernden Sermon an, doch ich fahre ihm in die Parade, weil mir der Sinn nicht nach Lobhudeleien steht: Verwechseln Sie mich nicht mit meiner Rolle, mein Freund. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler. Ich bin kein Held.
Jetzt gucken die Flugbegleiter eher geschüttelt, denn gerührt.
Ich muss mir noch den Weg durch einen Mikrowald bahnen, ein wahres Spießrutenlaufen zwischen blöden Fragen hindurch, dann sitze ich endlich in meiner Limousine. Mein Fahrer, Abdul Malik, dreht sich zu mir um und grinst. Wir sind hier immerhin beim Film, da grinsen dauernd alle, als wären sie gestört. (Die Wahrheit ist, dass Grinsen uns allen ne Menge schlechte Schauspielerei erspart.)
Abdul sagt: Und, Mr. Macha? Bereit für einen weiteren Drehtag? Hatten Sie einen guten Flug?
Verdammt, sage ich, die Fondtür zuziehend, ja. Alles wunderbar. Ich frage mich nur, wie sie diese Brühe im Ernst als Kaffee ausschenken können! Da muss ich wirklich mal ne Beschwerde-E-Mail schreiben.
Aber, Mr. Macha. Abdul fädelt unsere Luxuskarosse in den Flughafenflüchtlingstreck ein. Das kann doch ihre Assistentin machen!
Ach, sag ich, Sara! Die hab ich im Handgepäck vergessen!

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§ 2 Antworten auf Lee Strasberg wäre entzückt gewesen

  • Guten Tag Herr Mattheis,
    es freut uns, dass Sie unsere Weihnachtsaktion auf Facebook bemerkt haben. Leider haben Sie das Prinzip, das hinter dieser Aktion steht, nicht richtig verstanden. Es geht darum, zu erzählen, wie die Figuren aus unseren aktuellen Büchern Weihnachten feiern – also sollte es in der Geschichte um Weihnachten gehen, und nicht um einen Terroranschlag, und die Leser sollten die Charaktere in der Geschichte aus dem Buch des jeweiligen Autors kennen. Da wir es zeitlich nicht schaffen, einen richtigen Adventskalender anzubieten und unsere Fans auf Facebook ohnehin eher nur die aktuelleren Bücher kennen, haben wir uns entschieden, nur unsere Autoren für die Aktion einzuspannen, die in diesem Jahr bei uns veröffentlicht haben oder demnächst erneut bei uns veröffentlichen. Das hat auch sehr gut geklappt, sodass ich selbst, wenn ich Ihre Geschichte für unsere Weihnachtsaktion geeignet hielte, keinen Platz mehr dafür habe.
    Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Adventszeit und ein friedliches Weihnachtsfest.
    Viele Grüße aus Hamburg
    Verena Meierchen
    Lektorat
    ACABUS VERLAG

    • phorkyas sagt:

      Sehr geehrte Frau Verena Meierchen,

      zu meinem großen Bedauern, muss ich lesen, dass Sie obigen Text ablehnten. Meiner Meinung nach haben Sie damit die große Chance vertan, einen Adventskalendertext-Topseller zu schaffen. Wenn Sie einen Blick in das Fernsehprogramm zu Heiligabend getan hätten mit solchen Weihnachtsfilmklassikern wie Stirb Langsam, Lethal Weapon oder Eraser, dann hätte Ihnen auffallen können, dass manche Menschen zu Weihnachten Maschinengewehrsalven und abgetrennte Körperteile als Gegenbalance zu Scheinheiligkeit und Konsumterror sehr begrüßen.

      Hochachtungsvoll,
      Peter Davidoff
      blogozentrikerfans.de

      PS. Oder gesellen Sie sich lieber zu Kirchenvertretern, denen eine solche Weihnachtsfilmauswahl auch gar nicht gefällt ( http://www.evangelisch.de/themen/medien/kirchenvertreter-kritisieren-filme-zu-weihnachten29751 )?

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