Stilsicher bis krisenfest
Dezember 9th, 2011 § 1 Kommentar
Sag mal, Bob, ist es wahr, dass du nie recherchierst, weil du davon Kopfschmerzen bekommst?
Von allem, was real ist, bekomme ich Kopfschmerzen, ja.
Und darum willst du Schriftsteller werden?
Simon Bunar, seit diesem Semester Dozent am Weimarer Literaturinstitut, schaute streng in die fünfte Reihe seines Kurses, dorthin, wo Bob saß. Bob überlegte, welcher Ausdruck für sein Gesicht in diesem Moment der angemessene wäre. Er war unschlüssig … er legte sich einen Blick von Alles-oder-nichts zu.
Draußen schlug der Frühling sacht ein paar Akkorde an. Vögel, Sonne, Grashalme – eigentlich ein sehr nettes Arrangement. Indes achtete niemand darauf. Denn Bunar hatte ein Exemplar seines deutschlandweiten Welterfolgs vor sich auf dem Tisch liegen: DOM PELLEGRINO, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das Buch bestand zur Hälfte aus schicken Markennamen und zur anderen Hälfte aus ausdauernden Sexszenen. Den Titel zierte die Darstellung einer Champagnerflasche mit Mineralwasseretikett.
Nach dem Urteil der maßgeblichen Rezensenten bot das Werk in einer „Achterbahnfahrt zwischen Schließ- und Herzmuskel“ (taz) die „zutiefst berührende Suche eines jungen Mannes nach sich selbst“ (SZ), aufgespannt zwischen „aufgeilender Sinnesverfallenheit einer- und zernagter Intellektualität andererseits“ (FAZ).
Ein Autor der „Zeit“ hatte sich nicht entblödet, die Wörter „Verzweiflung“ und „Ernsthaftigkeit“ in seinem Text zu benutzen.
Mit einem Wort: Bunars Pressearbeiter wusste, was er tat.
Aber ob Bunar das auch wusste? Sein Seminar hatte er unter den Titel gestellt: SCHREIBEN ÜBER EINE WELT, DIE ES NICHT GIBT.
Zeit, die Ärmel hochzukrempeln! Er fasste Bob mit strengem Blick ins Auge. Sein Blick: ein Glimmen konzentrierter Überambitioniertheit in schwammig-fahler Blasiertheit. Seinem weißen Hemd stand der Kragen so weit offen wie möglich – ein Indiana Jones des Satzbaus. Auf der Nase eine schwarze Brille, mit fünf Buchstaben vorn am Bügel, von denen zwei absolut identisch waren …
All das sieht Bob nicht, all das weiß Bob nicht. All das interessiert Bob auch nicht.
Bob ist jung. Er will Schriftsteller werden. Er traut dieser Welt einiges zu. Und sich selbst auch. Darum sagt er: Ja.
Dann muss ich dir leider sagen, Bob, sagt Bunar, dass das Handwerk des Schriftsteller zu 99 Prozent aus Transpiration besteht und nur zu einem Prozent aus Inspiration.
Ach so, Inspiration, ja. Inspiration halte ich nicht für notwendig. Hab ich das etwa behauptet?
Simon Bunar ist nicht dafür bekannt, dass ihn die Ansichten anderer Leute interessieren, und das zeigt sich in diesem Augenblick überdeutlich: Recherche ist das A und O, das Fundament unserer Arbeit! Gerade beim Schreiben von Romanen. Phantasie, die nicht auf gründlichster Recherche beruht, ist wie ein Pferd ohne Reiter!
Ein herrenloser Pegasus, wirft Tom, Reihe drei, ein.
Tom hat schon von sich reden gemacht. Eigentlich hatte man ihn mit seiner Bewerbung ja abgelehnt; eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich im Wesentlichen mit homologer Neurotransplantation von Hirngewebe erwachsener Spender befassten.
Die Ungereimtheiten in der Behandlung des Sujets hatten dem strengen Blick Sabrina Schulte-Kötters nicht entgehen können; immerhin hatte sie sich als Lebensgefährten Marco Stier ausgesucht … obwohl sie, wie sie sich eingestehen musste, von dem klangvollen Namen ein wenig in die falsche Richtung gelotst worden war; handelte es sich bei Stier doch um einen seriösen Wissenschaftler, der Neuromedizin unbedingt unter ethischen Gesichtspunkten betrachten musste …
Moment. Wo waren wir?
Tom,
ah, ja. Dem war in der Stunde der Not allerdings der Umstand beigesprungen, dass er 2011 mit dem angesehenen Versatile Blogger Award ausgezeichnet worden war … na ja, den Rest können Sie sich ja denken.
Je nach dem, worein man sich da vertieft hängen will, kann Recherche auch Spaß machen.