Voynich
Dezember 9th, 2011 § 3 Kommentare
Als ich den Raum betrat, krampfte sich mein Herz zusammen. Es war weder die stickige Dunkelheit, die mir den Atem raubte, noch die plötzliche Stille; viel stärker deprimierte mich die Trostlosigkeit des Anblicks. Wie ein Hammerschlag wirkte diese mit Händen zu greifende Tristesse auf mich. Alles war mit Büchern übersät, die Couch, die zwei Stühle, der kleine, mickrige Tisch mit den dünnen Beinchen, an dem mein alter Freund schrieb. Sogar auf dem Bett bemerkte ich einige Bücherstapel. Geputzt worden war hier auch lange nicht mehr. Dicke Staubschichten waren auf den billigen weißen Regalen zu sehen, auf einer Kerze in Gestalt eines Buddhas, auf ausrangierten Pfeifen. Überall lagen Kugelschreiber und Bleistifte herum — ich hatte das Gefühl, all dies sei längst nicht mehr einsatzfähig, längst vergessen. Relikte, zurückgelassen bei einer Flucht.
Nur die Reiseschreibmaschine, orangerot und vital in der Mitte des Chaos thronend wie eine insektoide Lebensform, die das ganze menschliche Elend nichts anging, strahlte eine bizarre Energie aus.
Er hob seinen Zeigefinger vor meine Nase und sagte mit listigem Blinzeln: Das Meisterwerk, nicht wahr?
Ich nickte stumm, weil mir keine Worte einfielen.
Kommen Sie, kommen Sie her, sagte er heiter. Ich zeig’s Ihnen.
Er nahm eine Ledermappe von seinem weißen, klapprigen Schreibtisch auf. Das Leder war zerkratzt und matt von all den fruchtlosen Berührungen. Ich blickte auf seine Hände, seine klauenartig verkrampften Hände, entstellt von der Gier nach dem perfekten Satz, dem mot juste, dem erlösenden Einfall. Ich zwang ein Lächeln auf meine Lippen. Unvermittelt stieß er mir die Ledermappe gegen die Brust.
Hier. Lesen Sie.
Er drehte sich um, die Schöße seines abgetragenen kanariengelben Morgenrocks von einem theatralischen Wehen gehoben.
Lesen Sie, rief er den Bücherregalen zu, und Sie werden begreifen, mein Freund!
Unschlüssig stand ich in der Mitte des Zimmers. Der Sessel war überhäuft mit Büchern und betippten Blättern.
Als er bemerkte, dass ich zögerte, fuhr er herum. Was ist?, grollte er. Tun Sie die Scheißbücher doch einfach runter — er sprang vor und schaufelte die Sitzfläche des Sessels frei –, sehen Sie, so, ist doch ganz einfach! Wo ist das Problem?
Er wischte sich mit der flachen Hand die grauen Haare aus der zerfurchten Stirn und versetzte den Büchern noch einen Tritt.
Bitte, nehmen Sie Platz. Und LESEN Sie endlich! Herrgott!
Gehorsam setzte ich mich hin und schlug die Ledermappe auf. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Merkwürdige, unbeholfene Kritzeleien, Sätze, in Schwüngen an den Rand geworfen, dazu Sprechblasen, die aus fiebrig skizzierten Bambigestalten hervorkamen … ich blätterte weiter. CASABLANCA, stand groß über der Seite. Die sorgfältig eingeteilte Tastatur eines Pianos. Ein sehr, sehr schlecht gezeichneter Farbiger im Smoking, aus dessen Mund die Worte rannen: Sehr wohl, Mista Kurtz!
So ging es weiter, über Seiten hinweg. Ich bemühte mich, das Entsetzen, das mein Herz mit eiskaltem Griff umklammerte, nicht auf meinen Zügen in Erscheinung treten zu lassen. Ich nickte von Zeit zu Zeit, wie zustimmend. In Wahrheit überlegte ich fieberhaft, wie ich aus dieser Nummer unversehrt herauskäme.
Er hatte sich vor mir auf seinen Fersen niedergelassen. Erwartungsvoll sah er mich an. Seine gierigen Blicke schienen sich durch die Haut meines Gesichtes fressen zu wollen.
Wörter, Wörter, Wörter, was, Beronelli, he?, sagte er mit rauer Stimme. Hähähä.
Es ist, murmelte ich … gewaltig …
Ja, da sind wir über die konventionellen Begriffe von Literatur ein Stück hinaus, hm?
Er nickte, und ich nickte ebenfalls, gehorsam wie ein Spiegelbild.
Ich war sprachlos. Mein Kopf war wie leergeblasen. Mit vielem hatte ich gerechnet — aber nicht mit so offenkundigem Irrsinn! Mehrere Seiten waren angefüllt mit Zeichnungen eines Füllfederhalters. Schwarze Kappe, metallischer Clip, metallischer, glatter Stiel, dessen Grundfläche dreieckig auslief. Aus den verschiedensten Perspektiven aufgenommen. Dazwischen Wörter eingestreut. DOSTOJEWSKIJ, las ich, SCHREIBEN und ALFRED POLGAR. In das P war ein Auge gemalt. Dann stieß ich auf das Wort: HOHLKÖRPER. In den O’s grinsende Gesichter.
Ich sah auf. Ich hätte schreien mögen.
Bob Macha grinste mich an.
Begreifen Sie?, flüsterte er. Begreifen Sie jetzt, warum ich wollte, dass Sie als erster dieses Manuskript sehen?
Was hätte ich sagen sollen? Zum ersten Mal fielen mir seine spitzen, langen Eckzähne auf …
Bob scheint den dritten Weltkrieg irgendwie zu verlieren. Seine hübschen Eckzähne richten wenig aus an der Füllfederfront. Ein tragischer Held mehr.
Immerhin hat er noch genug Chaos in sich um ein blogozentrisches Texttanzlabor zu gebären…
und wir mittendrin
Ja, die Hoffnung lebt noch. {Off topic: Ich kann mir nicht helfen, wenn ich mir BOB jeweils pixelmäßig vorstelle, sehe ich einfach Bill Murray als BOB Harris in Lost in Translation, der in Werbespots für Whisky (natürlich) als Dödel herhalten muss. Aber die Geschichte ging ja noch gut aus. Sollte das Leben BOBs je verfilmt werden, dann bitte mit Bill in der Hauptrolle.}