Des Dicken Charles Weihnachtsgeschichte
Dezember 21st, 2011 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich find’s wirklich nett, dass du den Abend mit mir verbringst, Charlie!
Hey, sagst du, kein Problem.
Dein Tresennachbar fasst dich unter hornigen Lidern liebevoll ins Auge. Oh, sagt er, das ist keine Kleinigkeit! Ich weiß sehr wohl, dass es keine Kleinigkeit ist.
Weihnachten, sagst du, weil es für dich kaum etwas Unangenehmeres gibt als überschwängliche Dankbarkeit, Weihnachten ist für mich eh keine so große Nummer, weißt du. Ich finde, all diese Familienfeste werden gnadenlos überbewertet.
Dein Nachbar klopft mit seinem Huf auf den Tresen.
Trotzdem. Wer geht schon mit einem Rentier einen trinken? Am Heiligen Abend? Und dann noch mit einem rotnasigen Rentier, das …
Darf’s noch was sein?, fragt der Wirt, den das Geklopfe angelockt hat.
Danke, erst mal nicht, sagst du.
Und dein Freund hier?
Willst du noch was, Rudi?
Rudi wirft einen melancholischen Blick auf sein noch immer bis zum Rand gefülltes Whiskeyglas. Ich hab ja noch nicht mal den hier gekippt, sagt er leise.
Danke, Chef, sagst du also zum Wirt, im Augenblick sind wir bedient; wir melden uns dann!
Na, prima. Der Wirt dreht sich brummelig um. Im Umdrehen sagt er: Aber dann klopft hier auch nicht mit den Hufen auf den Tresen, wenn ihr gar nichts braucht!
Geht klar, Chef, röhrt Rudi.
Rudi, er kann dich nicht verstehen, sagst du mit mildem Tadel.
Rudi versucht, mit seinen beiden Vorderhufen sein Whiskeyglas zu fassen zu bekommen – was so hoffnungslos aussieht wie die Versuche eines Säuglings, eine E-Mail zu schreiben.
Wie kommt’s eigentlich, dass DU mich verstehst, Charlie?
Ich greife nach Rudis Whiskeyglas und hebe es ihm an die dicken, spröden, wulstigen Lippen. Dabei gebe ich gut acht, nicht sein Geweih ins Auge zu bekommen. Gierig schluckt das Rentier.
Frag das doch Tim, den Reporter, sage ich. Der versteht ja auch seinen Hund.
Klar, aber die zwei haben ja auch jede Menge Abenteuer zusammen erlebt. Wohingegen wir beide, Rudi rülpst, wir beide nur gemeinsam haben, dass wir beide in Vegesack* wohnen.
Rudis Blick ist jetzt schon gläsern; der Alkohol knallt ihm sofort ins Blut, nach all den Wochen – oder womöglich Monaten – Abstinenz.
Ob das so was Paranormales ist? Was meinst du, Charlie? Telepathie?
Vielleicht Psychotelepathie?, versuchst du einen Witz. Oder ich hab in der Schule zwar nicht tierisch, aber wenigstens Rentierisch gelernt. Ohne mich allerdings dran erinnern zu können.
Nicht mal der Weihnachtsmann spricht Rentierisch, sagt Rudi ganz ernsthaft, langsam den Kopf schüttelnd.
Was? Der Weihnachtsmann spricht kein Rentierisch?
Der Weihnachtsmann kann alle existierenden Sprachen sprechen. Oder jedenfalls kann er in allen Sprachen fragen: Warst du ein braves Kind? Aber Rentierisch, das ist ihm zu hoch. Rudi rülpst erneut leise. Er ist ein verkommener alter Sack, wenn du mich fragst, sagt er. Unter uns.
Apropos. Was ich immer schon mal wissen wollte. Du drehst dich jetzt halb um und gibst dem Wirt ein Zeichen, dass er noch einen Whiskey bringen soll.
Nur zu, mein Freund, sagt Rudi. Frag!
Gibt’s den Knecht Ruprecht wirklich?
Rudi bricht in wieherndes Gelächter aus.
Den Knecht Ruprecht? Den bösen Mann mit der Rute? Aber nein! Das ist doch nur ein Ammenmärchen für die ganz kleinen Kinder! Hahaha! Knecht Ruprecht! Hahaha!
Hey! Der Wirt wirft uns, den Whiskey liefernd, einen grimmigen Blick zu. Ich hab doch gesagt, ihr sollt euch verdammt noch mal zivilisiert aufführen; das ist kein Stall hier!
* Legendärer Stadtteil von Bremen.