Herzkammerspiel

Dezember 21st, 2011 § 2 Kommentare

Also, Sie haben, äh … Herr Macha, richtig?
Bob nickt würdevoll: Ja.
Der Chefredakteur des „SPIEGEL“ rückt seine Brille zurecht, als könnte es vielleicht an einer verschobenen Linse liegen, dass er bei diesem Gespräch nicht ganz durchblickt.
Sie waren, wenn ich das richtig sehe, der Textchef einer Online-Postille mit dem Namen, äh, hier hab ich’s: der blogozentriker. Mit einem Räuspern und semiinteressiertem Blick: Ja?
Wieder nickt Bob würdevoll. Diesmal stumm.
Der „SPIEGEL“-Chef lässt die Knipsseite seines Kugelschreibers mehrmals auf der Schreibtischplatte hüpfen, während seine Augen über das CV huschen. Eine ganz sanfte, leise Interpunktion des stockenden Austauschs ist dieses Pick, pick, pick. Er überlegt, was er als Nächstes sagen soll. Man muss ja das Gegenüber achten. Ist ja auch nur ein Mensch, also, auch ein Mensch, die Würde des Menschen usw. Sie mag antastbar sein. Aber nur in Somalia. In Simbabwe. Oder South Carolina.
Nicht hier, denkt der Chefredakteur eines der mächtigsten und bedeutendsten Nachrichtenmagazine der Welt, und sein Blick schwenkt seitlich hinaus aus dem prachtvollen Neubau des Verlags, dessen frisch in die Hansestadt gekübelte himmelstürmerische Architektur unter das monströse Prestige des Blattes einen angemessen eindrucksvoll geschwungenen …
Nee, Moment mal, Stopp. Halt! Kamera halt!
Der Regisseur, der mit schwer angesagten New Yorker Avantgarde-Filmen und wirklich nur von Idioten angeklickten Dior-Werbespots von sich reden gemacht hat, tritt auf den Plan.
Du, Georg, sagt er, man sieht wieder SO genau, was du denkst!
Der Darsteller des SPIEGEL-Bosses senkt beschämt die Augen, während ein Girl ihm die Stirn abtupft.
Und bei dir, Bob, sagt der Regisseur mit seiner Stimme aus Ebenholz, das genaue Gegenteil.
Ich denk ja auch nix, sagt Bob Macha trotzig.
Ja, eben, aber versuch das doch mal. Der Regisseur reicht das Klemmbrett, an dem er sich die ganze Zeit festgehalten hat, einer Ische mit Basecap, langen blonden Haaren und prächtig ausgefüllter Jeans. Er reibt die Hände aneinander: Stell dir doch die Situation mal vor: Da kommt dieser Typ, der jahrelang die Republik in Atem gehalten hat …
Wir wurden von einem traurigen Häufchen Unbelehrbarer gelesen, sagt Bob Macha mit müder Stimme. Das war alles.
Ja, aber stell dir mal vor. Der Regisseur ballt seine Hände zu Fäusten und presst auch kurz die Lippen aufeinander. Dann: Stell dir vor, der blogozentriker, das wäre so was richtig GROSSES gewesen!
Das fällt mir, offen gestanden, schwer.
Bob Macha hält jetzt einen Pappcoffeebecher in der Hand. Sojaschaum mit drei hinein gekippten Espressi, oder Espresso, das weiß er auch nicht so genau. Es ist ihm eigentlich auch egal. Hauptsache, das Logo des Aufschäumbetriebs ist gut zu lesen. Schmeckt sowieso fürchterlich.
Okay, okay, der Regisseur wedelt mit seinen Händen herum, seine Girls blicken auf ihn, als wäre das jetzt wirklich etwas wahnsinnig Substantielles, was er zu sagen hat, aber Bob Macha, die schnöde Sau, würgt ihn einfach ab:
Lass es mich einfach spielen, okay? Ich glaub nicht, dass ich in dieser Szene ne Motivation brauche.
Der Regisseur macht: Hä? Und glotzt. Und sagt dann: Ich mach aber immer psychologische Kammerspiele! Dafür bin ich berühmt!

Tagged:, , , , ,

§ 2 Antworten auf Herzkammerspiel

  • P. v. Gaetoni sagt:

    Bob spielt Bob… Was ist das denn für ein Fake?!

  • Matthias Schweighöfer sagt:

    Hey, danke für Deine Nachricht, P. v.

    Du hast ja natürlich völlig Recht, aber: Bob ist in diesem Fall für mich eingesprungen. Ich hab mir nämlich bei einem megaehrgeizigen Fitnessprogramm mit Til Schweigers südkalifornischem Personal Trainer eine Bauchmuskelzerrung zugezogen! Scheiße! Und das um vier Uhr früh! Da musste ich mich leider voll aufs Familienvaterspielen konzentrieren! Ich finde aber, Bob hat einen Hammerjob gemacht.

    Bussi, M.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

You are currently reading Herzkammerspiel at der blogozentriker. Worthülsen im Dauerstress.

Meta

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.