Nacht, Nachen, Nachos

Dezember 27th, 2011 § 1 Kommentar

Warten Sie mal, warten Sie mal. Sie sind WER?
Sie kennen mich doch.
Sie sind Oliver Pocher.
Richtig. Der Kandidat bekommt 10 Punkte, tröööööt. (Mit einem wiehernden Geräusch, das entfernt an ein Lachen erinnert.)
Und, und, und — man hat mich VERGIFTET, sagen Sie?
Mit Konfekt, ja, sagt Oliver Pocher. Er nickt. Er hält mit dem Rudern inne. Er sieht Bob Macha ins Gesicht. Sie wurden vergiftet, sagt Oliver Pocher, von Leuten, von denen Sie glaubten, dass sie Sie lieben. Oliver Pocher blickt in die Kamera: Hab ich das jetzt richtig gesagt? Das ist ein megamäßig mordsschwerer Satz!
Grinsen.
Perfekt, sagt der Regisseur.
Wir lassen laufen, sagt Bob Macha, der langsam ungeduldig wird und heim will, unter seinen Tannenbaum, oh Tannenbaum.
Das Setting: Charons Nachen. Überfahrt zur Toteninsel. Im Hintergrund das Böcklin’sche Eiland, von einigen Dutzend Ausstattern hingezimmert. Man hat Bob Macha versprochen, dass es schnell gehen werde mit dem Dreh, ein Schnellschuss zwischen den Weihnachtstagen. 650 Euro, nicht so viel Geld, dass ein niedersächsischer Ministerpräsident sich deswegen aus seinem Fernsehsessel erhöbe, aber für einen abgehalfterten alten Vollidioten wie Bob Macha …
Einspruch, sagt Bob Machas Anwalt. Macha selbst hatte die Passage zwar nicht beanstandet, doch jetzt muss Degeto reagieren. Ändern wir das halt, sagt irgendso ein grimmiger, grolliger Oberboss und wirft seine Zigarre in den Aschenbecher.
Neue Fassung: Aber für einen Mann in finanziellen Schwierigkeiten, hin und her geworfen von auch gesamtwirtschaftlich instabilen Zeiten wie eine Nussschale auf hoher See (eingesperrt in ihr: Prinz Hamlet) …
Einspruch des Anwalts: Bob Macha sollte nicht mit einer eher düster konnotierten Figur wie dem Dänenprinzen (tötet der nicht seine Mutter?) verbunden werden.
Okay.
Vorschlag 3: Für Bob Macha ist’s halt doch ne Menge Kies.
Kies, sagt der Anwalt und lässt seine Zunge zwischen den Backenzähnen kreisen, ist das nicht ein etwas slangartiges Wort? Kies … das klingt so umgangssprachlich? Bob, was meinst du?
Lass uns einfach weitermachen, okay?, sagt Bob Macha.
Auch Oliver Pocher schaut mittlerweile mürrisch drein. Auch für ihn gilt im Grunde ja die Bob-Macha-Klausel vom Es-sich-nicht-aussuchen-Können.
Macha also, im weiten, schwarzen Cape, den Blick unter baumwurzelartig dicken Augenbrauen blitzen lassend, zupft sich die Zigarre aus dem Mund.
(Der Oberboss denkt: DA ist sie also! Hab mich schon ge …)
Mein Lieber, sagt Bob Macha, man hat mich also mit Pralinen vergiftet, während der Festtage, und Sie rudern mich jetzt rüber auf die Toteninsel?
Die Elysischen Gefilde, sagt Oliver Pocher. Er tut sich schwer mit dem Reden, weil er wieder zu rudern angefangen hat, und während der letzten Tage hat er tüchtig gesoffen und gefressen.
Das Walhalla der Spaghettifresser, brummt Macha.
Und der Gyrosfresser, hahaha.
Bob Macha fragt sich, ob es nicht eine mindere Strafe gewesen wäre, in einem Werbespot mitzuspielen. Whiskey, zum Beispiel. Oder Kondome! Gibt es nicht Werbespots für Kondome?
Und was werde ich dort tun? Bob Macha zieht den Umhang über seiner Brust zusammen.
Spazierengehen, sagt Oliver Pocher und lässt wieder sein Wiehern hören.
Ich verstehe, sagt Bob Macha.

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§ Eine Antwort auf Nacht, Nachen, Nachos

  • Tom sagt:

    Alles soll möglichst authentisch wirken. Deshalb merkt auch Bob bis zuletzt nicht, dass er wirklich für einen Werbespot arbeitet. Auf der Toteninsel angekommen, gehen bunte Lichter an, Tischbomben explodieren. Ein wabernder Schriftzug: 60 Zoll für die Silvesterparty! Bob wird ins Leichentuch gehüllt dem Publikum im Rahmen eines 16:9 Full-HD Plasma-TVs der nächsten Generation präsentiert und völlig spontan sagt er die Worte: “Ich bin doch nicht blöd.” Oliver Pocher kann gerade noch rufen: “He, das ist mein Satz!” Böcklin dreht sich im Grab um. Schnitt.

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