Elephant Grunge

Dezember 29th, 2011 § 9 Kommentare

Sagt wer?
Dann aber brach die Moderne radikal mit diesem wohlgemuten Zentralperspektivismus. Die Kunst öffnete sich für den Schock des Sehens und das Tohuwabohu des Hörens. Wo eben noch der Monismus einer gottgewollten Ordnung der Dinge geherrscht hatte, versinnbildlicht im Starren entlang der fluchtpünktlichen (etwas ratlos: Hihi) Sichtachsen, regierte jetzt das von allen Seiten akzelerierte Chaotischwerden sich emanzipiert habender Einzeldinge … das können Sie überall nachlesen! Aus dem Schlosspark von Versailles wurde das Labyrinth eines Cyberminotaurus!
Verzweiflungsvolles Wedeln mit einem ganzen Stoß von Aufzeichnungen und Stichpunkten, durch eine metallene lackschwarze Klammer zusammengehalten, während harte hohe Schritte den Flur hinunter hallen.
Bob Macha stößt die Tür zum Studio auf (BITTE RUHE), in einem Anfall puren Übermuts seinen Pappbecher mit brühheißem Kaffee auf der Nase balancierend. Und damit kommen Sie mir jetzt, Junge, mit diesen Erkenntnissen?, ruft er und schlingt die Schöße seines Morgenrocks noch einmal fester um sich.
Aber das ist doch alles allgemein bekannt!, ruft der germanistische Berater der Berliner Produktionsfirma Überuniversal aus und folgt mit hektischen Armen dem dicken Mann.
Er weiß nicht, wie lange er diese Tortur noch aushält. Dieses Anreden gegen eine Wand. Seit drei Wochen schlägt er sich jetzt schon mit Bob Macha herum – meist freilich mit dessen Anrufbeantworter, mit einem unendlich aufnahmefähigen elektronischen Postfach oder mit Sekretärinnen, deren einziger Daseinszweck im Vertrösten zu bestehen scheint.
Dabei nahm alles so einen verheißungsvollen Anfang. Sein Doktorvater war an unseren jungen Freund herangetreten mit dem Angebot, für keinen Geringeren als den wahnsinnigen Kultregisseur Bob Macha ein paar kulturhistorische Fakten zu recherchieren. Das sei für Machas Filme, billige Revolverschinken auf Kunstblutbasis, natürlich in keiner Weise erforderlich, raunte der Gelehrte mit frostigem Amüsement. Doch lege der exzentrische Menschenpuppenspieler nun mal Wert auf einen gebildeten Einflüsterer, auf jemanden, der ihm das Gefühl vermittle, nicht total daneben zu liegen … und, na ja, also, mal ehrlich: Hätten Sie da Nein gesagt?
Wir beginnen gleich mit den Dreharbeiten, sagt Bob Macha und platziert seinen breiten Arsch in einem face2buns, der extra für ihn zum Regiestuhl umgemodelt wurde (drei japanische Designer haben sich dabei an die Grenze eines kollektiven Nervenzusammenbruchs herangearbeitet). Ein Regieassistent (der jüngste von fünfen, für die Frühschicht zuständig) wuselt um dem Meister herum, versucht dessen allergeheimste Sensibilitäten zu erspüren. Welche Szene sollte man jetzt am besten proben? Was passt zum halb verdauten Frühstücksei? Wen kann der große Regisseur währenddessen in seiner Nähe ertragen? Darf ein Mund zudringlich in sein Ohr wispern, schelmisch-tiefgründige Theoriefundamente legend, derweil die Darsteller sich stumm abplagen in skizzenhaften Settings?
Ich meine, ruft Bob Macha, ich habe hier Leute herumsitzen wie Phorky und Tom, absolute Topstars des Neuesten Deutschen Kinos! Wissen Sie eigentlich, was so eine Schweinebacke uns am Tag kostet, Junge?
Im Hintergrund sieht man den Produzenten auf und ab laufen, als pochte der Finale Zahltag an die Tür mit knochigem Finger.
Dolf Sulzinger, 27 Jahre jung, promovierender Germanist, verdammt ehrgeizig und alles andere als blöde, lässt den Kopf hängen. Kurz, aber deutlich. Eine Gebärde der Demut und der gereizten Nerven. Eine Andeutung von sehr gut möglicher Kapitulation.
Ich weiß, sagt er leise. Ich weiß ja. Bob. Aber ich muss Sie, bevor Sie sich im Ernst an die Verfilmung des STEPPENWOLFS machen, doch davor warnen, dass Sie in Hermann Hesse womöglich etwas sehen, eine künstlerische Potenz, eine Qualität, eine geistige Statur … wie soll ich sagen … Der 27-Jährige sucht die Scheinwerfer ab mit kurzsichtigem Blick, als fänden sich dort die Stichworte für seine flehentliche Ansprache. Dass Sie sich da vielleicht in etwas verrennen, sagt er schließlich, mit fragendem Heben der Stimme zum Ende des halben Satzes hin.
Mein Junge, sagt Bob Macha. Er schüttet den Inhalt seines Pappbechers auf den kargen Studioboden. Sie wollen mich vor dem Verrennen bewahren? Haha! (Macha lacht auf, aber es klingt so echt wie eine Idee für eine App.) Ich werde dafür bezahlt, dass ich mich verrenne. Das wird von mir erwartet! Ich lebe nicht von objektiven, vernünftigen Einschätzungen der Situation. Verstehen Sie?
Aber ja, ich verstehe voll …
Nein. Bob Macha wedelt mit seinem Zeigefinger. Ich frage Sie Folgendes: Verstehen Sie WIRKLICH, was ich Ihnen sage? Oder glauben Sie nur, Sie verstünden, was ich sage? Mir ist natürlich klar, dass Thomas Mann hundert Mal höher steht als Hermann Hesse! Und Ihnen sollte klar sein, wenn Sie Ihr Geld wert sind, dass mir das klar ist.
Natürlich, das ist, ich verstehe Sie, ja, aber …
Moment, Moment. Sie hören ja gar nicht zu! Ich sage es ja: SIE HÖREN NICHT ZU! Meine Frage lautet: VERSTEHEN Sie mich? Begreifen Sie, was ich Ihnen sagen will?
Aber ja!
Der Doktorand ringt die Hände.
Also, Bob Macha rutscht unwirsch in seinem trendigen Regiestuhl herum, ich hab das Gefühl, als versuchte ich seit WOCHEN, Ihnen etwas Grundlegendes klarzumachen, Dolf, eine Sache, die einfach in Ihren Schädel nicht hinein will.
Da irren Sie sich, Bob. Dolf Sulzinger räuspert sich. Zunächst mal, Sie sind für mich seit Wochen nicht erreichbar …
Was seinen Grund vielleicht in Ihrer Begriffsstutzigkeit hat?
Oh, ruft Dolf Sulzinger in schönem Zorn, ich begreife durchaus …
Vielleicht, weil Sie sich weigern, eine gewisse Begrenztheit Ihrer Perspektiven aufzugeben? Weil Sie unter Umständen an einer Zentralperspektive festhalten, Dolf, für die wir im Zeitalter des WWW keine Verwendung mehr haben? Bob Macha kneift listig die Augen zusammen, ganz der gelernte Schmierenkomödiant. Könnte es sein, dass ich mit dieser Analyse einen Nerv treffe, hm?
Nein, Bob, sagt der 23-Jährige mit resolutem Kopfschütteln. Er sieht müde aus. Ich verstehe absolut, was Sie mir sagen wollen. Doch es ist, anders als Sie meinen, nur …
Dann, sagt Bob Macha, jede weitere Rede unterbindend, dann schreiben Sie mir bitte in einem Haiku, was Sie da festgestellt zu haben glauben! In einem Haiku, hören Sie? Und jetzt Ruhe! Nichts weiter. Ich habe hier zu arbeiten!
Und zu dem Regieassistenten gewandt, der dem Wortwechsel mit offenem Mund gefolgt ist: Wo stecken denn Phorky und Tom schon wieder? Und was für eine Szene liegt überhaupt an? Wie lange soll ich hier denn noch so herumhocken, sag mal, da hätte ich ja auch in meinem Bett liegen bleiben können …

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§ 9 Antworten auf Elephant Grunge

  • Tom sagt:

    Phorky, was meinst du, wie lange hält Bob das noch aus mit diesem groupiehaften “Doktoranden” an der Hacke? Wir werden in zehn Jahren nicht unser Tänzchen im magischen Theater in den Kasten kriegen, wenn wir ihm den sulzigen Typen jetzt nicht gleich vom Hals schaffen (Tom greift sich an die denkmüde Stirn statt an den Hals). Hmm, wir werden Fred Haines wohl nicht so bald toppen… und das wäre ja auch nur ein Etappenziel zum wirklich großen Auftritt im Blitzlichtgewitter in Cannes (Phorky nippt am lauen Dosenbier und schweigt zunächst).

  • Da irren Sie sich, Bob. Dolf Sulzinger räuspert sich. Zunächst mal, ich bin für Sie seit Wochen nicht zu sprechen …

    Müsste es nicht Zunächst mal, sind Sie für mich seit Wochen nicht zu sprechen … heißen?

    Und hier: Vielleicht, weil Sie sich weigern, eine gewisse Begrenztheit Ihrer Perspektiven aufzugeben?nicht: zuzugeben?

    [Dass es bei Macha kein Flaschenbier gibt, ist der eigentliche Skandal.]

  • blogozentriker sagt:

    Im ersten Fall stimme ich Dir voll zu. Das hab ich versemmelt. Bei der zweiten Sache lieg ich aber doch richtig: Gemeint ist von Bob ein Sichklammern an die eigene Begrenztheit — so lebt man geheimhin ja vor sich gemein hin.

  • Ich habe es so gelesen:

    Was seinen Grund vielleicht in Ihrer Begriffsstutzigkeit hat? [Bob]

    Oh, ruft Dolf Sulzinger in schönem Zorn, ich begreife durchaus … [Sulzinger]

    Vielleicht, weil Sie sich weigern, eine gewisse Begrenztheit Ihrer Perspektiven aufzugeben? [Bob]

    Warum sollte Bob Sulzinger auffordern die Begrenztheit seiner (Sulzigers) Perspektive aufzugeben, wo der doch eine gegenteilige hat (vertritt)?

  • blogozentriker sagt:

    Ich verstand es so, sagte Bob Macha, sich pompös die Kehle reinigend mit einer Art gutturalem Stahlgewitter. Dann schluckte er einen mächtigen Teil des in seinem Glas vorrätigen Bieres den Hals hinab, um schließlich fortzufahren: In einer klitzekleinen Anspielung des Themas der Zentralperspektive, das, wie ich anmerken möchte …
    Komm zur Sache, zischte Phorky.
    Gut. Jedenfalls, da die Zentralperspektive ja gewissermaßen die beschränkte Sicht eines Ichs auf die Dinge repräsentiert, fordert dieser ominöse Macha in der beanstandeten Szene von seinem jungen Schauspielerkollegen, er möge bitte die postmoderne Polyperspektivik sich zu eigen machen, von der zu schwärmen schon Nietzsche nicht lassen konnte.
    Pause.
    Bob grinste, rülpste und fragte: Wie war ich?

  • blogozentriker sagt:

    Jetzt hör mir mal gut zu!
    Kein Geringerer als Adalbert-Louis von Kraßkow war es, der sich Bob Macha gekrallt hatte auf dem kurzen Weg zwischen Getränkeautomat und Set. Der halb grauhäuptige Strippenzieher und Gehirnverdreher war stinksauer.
    Wenn du weiterhin deine Zeit damit vergeudest, auf irgendwelche missmutigen Leserzwischenrufe zu reagieren, trete ich dir in den Arsch!, rief er. Bob! Wir wollen hier das Kino neu erfinden! Ich mach das doch nicht zum Spaß! Oder um GELD zu verdienen! Wir haben extra ein paar echte Untote aufgetrieben, Georg und ich (und glaub mir, sogar in Malaysia stehen die nicht an jeder Ecke), und dieser Gestank treibt uns alle in den Wahnsinn! Geh doch mal hinter die Kulissen, Bob! Wie’s da riecht! Was da für hygienische Zustände herrschen! Schau doch mal raus aus deinem Wohnwagen!
    Er, der Dramaturg, der letztendlich Verantwortliche für all das, was hier geschah, Adalbert-Louis von Kraßkow, rang um Fassung. Mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: Ich hab für ein UFO aus US-Regierungsbeständen gesorgt. Das ist allerheißeste Ware! Mein Freund, das ist … auch wenn ich einräume, dass auch ich, ja, mit etwas größeren intergalaktischen Fortbewegungsmitteln gerechnet hätte … offenbar sind das alles Zwerge da draußen. Aber kann denn das einer ahnen? Dass in all diesen Wurmlöchern nur Winzlinge unterwegs sind? Ich meine, Bob, ich war in PEINE Dramaturg! Doch nicht in New York oder New Mexico! Bei uns gab’s nun mal keine Außerirdischen!
    Bob Macha hörte sich das alles an. Mit hochmütigem Schweigen. Den Mund voll kaltem Bier. Prall das Stan-Kowalski-Unterhemd am Leib.
    Höchstpersönlich angel ich dir das verdammte UFO über die Szenerie, flehte von Kraßkow. Wenn du dich bereit erklärst – hör mir zu, Bob! Wenn du dich bereit erklärst, diese Rolle zu spielen.
    Du meinst, den Ed? Bob rülpste leise.
    Ja!
    Ed Sullivan?
    Nein.
    Ed Munch?
    Mach doch keine Witze.
    Sondern?
    Ed Wood.
    Edward?
    Ed Wood, ja.
    Von Marlowe?
    Was?
    EDWARD II., von Christopher Marlowe? Ein Drama?
    Von Kraßkow stampfte mit dem Fuß auf. Nein, Ed Wood, nicht Ed Ward!
    Bob Macha überlegte kurz. Dann: Der Vater von Barbara Wood?
    Albert-Louis von Kraßkow zuckte zurück. Die sind doch nicht verwandt? Er schaute misstrauisch auf seinen Star.
    War ein Scherz, sagte dieser.
    Sehr witzig.

  • Tom sagt:

    Ed Wood ist mit seinem Trash immerhin unsterblich… bzw. in der Filmgeschichte als “Kultregisseur” erblüht. Und das hat er sogar prophezeit, dieses Schlitzohr. UNS STEHT SO EIN DURCHBRUCH ERST NOCH BEVOR, vielleicht.

  • Phorkyas sagt:

    Als ich vor einigen Jahren Tim Burtons “Ed Wood” wiederschaute schien’s mir wie die perfekte Dekonstruktion Hollywoods, weil bei ihm gerae dieses “bigger than life” völlig auseinanderfällt – und es gehört ja auseinandergefällt – jetzt sah ich gerade “Team America” die nihilistisch-blut-fäkallastige Variant. Im Kino ist es dann Mission Impossible 4 – Bruckheimer, Bay und Koons zusammen hätten es nicht besser machen können…
    (Darf man sich dann alt und wehmütig vorkommen, wenn man an die melancholiche Vergeblichkeitsstimmung “Ed Woods” zurückdenkt, in welcher der Held noch ehrlich und einsam untergehen durfte, während jetzt stattdessen das ganze Set in Feuerstürme gerissen werden muss, weil Innen einfach gar nicht[s] mehr ist?)

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