Interview im Siebdruckverfahren
Januar 21st, 2012 § 2 Kommentare
- Früher habe ich immer gern die Zeitungen gelesen.
- Und das tun Sie nicht mehr?
- Wissen Sie, ich bin mit Matthias Matussek auf Facebook befreundet, obwohl ich ihn persönlich überhaupt nicht kenne. Und ich bekomme immer zu sehen, was er für Bilder hochlädt, und wie er seine Gläubigkeit vermarktet. Ich bekomme auch mit, wie diese ganzen Schleimer ihm ihren Schleim ins Gästebuch schmieren. Ich weiß nicht, nein. Ich lese nicht mehr gerne Zeitung.
- Sie haben nichts als Verachtung übrig für den Medienbetrieb, oder?
- Im Grunde gibt’s da doch nur eine einzige Regel: Lecken Sie allen den Arsch aus, dann lecken die anderen alle zurück! Das ist Ockhams Messer, angewandt auf die Medienmeute. Das Deprimierendste daran ist, dass diese Leute ja alle auch noch sehr intelligent sind, und dabei verlogen bis ins Mark. Während alles den Bach runtergeht, hören die die “Moldau”.
- Das klingt aber eher nach Dummköpfen!
- Aber nein! Das ist doch sehr intelligent. Nur besonders feinsinnig ist es nicht. Die sind hart wie Eisen, aber sie kultivieren vor sich selbst den Hypersensiblen. Das kann einen, der WIRKLICH nicht allzu hart im Nehmen ist, in den Wahnsinn treiben. Aber wie Sie ja vermutlich selber wissen: So viele Sensible gibt’s nicht.
- Würden Sie von sich selbst sagen, Sie sind nicht hart im Nehmen?
- Jedenfalls bin ich härter im Nehmen, als ich für erstrebenswert halte.
- Sind Sie eigentlich ein Zyniker, Herr Macha?
- Wissen Sie, wovon ich heute Nacht geträumt habe?
- Von einem Interview mit Alexander Kluge.
- Das wird es nie geben.
- Warum nicht?
- Ich habe geträumt, dass ich zu einem Schrumpfkopf verarbeitet worden bin. Von Amazonasindianern.
- Wurde Ihnen bei lebendigem Leibe die Haut vom Gesicht gezogen?
- Du meine Güte! SIE haben aber eine perverse Phantasie!
- Phantasie? Da gibt’s ein Foto von James Nachtwey … entstanden in El Salvador, Mitte der Achtziger.
- Aha?
- Das kennen Sie nicht?
- Nein. Ich schau mir solche Sachen eher nicht an. Das ist sehr brutal, wie?
- Als ich das Foto zum ersten Mal sah, beim Blättern in einem Buch*, da dachte ich zuerst: Das ist ja ein geschminkter Mensch! Einer, den sie weiß geschminkt haben …
- Ich versteh nicht …
- Er hatte einen Totenkopf! Auf einem normalen Körper ein Totenkopf. Sie haben ihm, während er noch lebte, die Haut vom Kopf geschält. Die Augen steckten noch drin.
- Mein Gott! Das ist barbarisch! Wie bei den Azteken!
- Der eigentliche Schock war, dass ich zuerst nichts Schlimmes ahnte, als ich so durchs Buch blätterte und mir die Bilder betrachtete. Auch als ich DIESES Bild betrachtete. Ich dachte nur: Oho, was ist denn da los? Ein bemaltes Gesicht? Es rief irgendwie dunkle Erinnerungen an Minstrel Shows herauf. Und dann sah ich näher hin …
- Die facies hippocratica!
- Ja!
- Das ist furchteinflößend, das sehe ich ein.
- Der nackte Mensch, noch einmal nackt gemacht.
- Und bei mir ist es ja im Grunde das genaue Gegenteil. Bei mir ist es die Haut, die übrig bleibt. Gefüllt mit Sand.
- Das Gehirn ist raus?
- Zum Glück, ja.
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* Thomas Macho, Vorbilder. München, 2011.
Grausig, aber jetzt ist es raus: Wir sind, ob wir wollen oder nicht, Teil der Traumwelten Machas!
Auch das ist irgendwie grausig.
Nein, lieber mete, ich glaube es ist eher folgendermaßen: Macha besetzt einen Raum, den ich einmal, die Physik plündernd, als “Ereignishorizont” bezeichnen möchte. D. h. wir können nicht sagen, was jenseits des Machas vor sich geht, wie bei einem Schwarzen Loch, in dem auch schlicht und einfach alles, was uns Vorhersagen erlaubt, außer Kraft gesetzt ist. Du kannst es nicht sagen, und ich schon gar nicht (ich bin ja nicht mal Naturwissenschaftler).
Macha hat mir das mal, sich auf mein Niveau herablassend, also zwischen lauter bestenfalls poetologische Begriffe sich kniend, zu erläutern versucht, indem er das Konzept einer “nonlinearen Erzählweise” skizzierte. Er sagte: Stell dir vor, plötzlich taucht da was auf, eine Figur, sie redet und fährt in einer Limousine herum, tötet Wirtschaftsgrößen, die den Tod zweifelsohne verdient haben — und ist, baff, wieder weg!
Ich fragte ihn, ob das nicht vielleicht mit der Quantentheorie zu tun habe? Und er meinte mit so einem unglaublich infamen Grinsen: Wenn ich glaubte, die Quantentheorie verstanden zu haben, dann sei es ausgeschlossen, dass er sie verstanden hat.
Ich sagte: Er sei ja wohl ein Arschloch! SO blöd sei ich nun auch wieder n …
Oh, doch, sagte er nur. Stand auf. Und ging.