Herzblut muss aus der Hand fließen
Januar 27th, 2012 § 6 Kommentare
Ich hab so viel Herzblut da hinein gesteckt. Jahrelang hab ich nur für dieses Buch gelebt. Der Roman. Eine fixe Idee, klar. Aber eine lebenserhaltende. Ich hatte doch nichts anderes! Was hatte ich denn? Keine Liebe, keine Freunde, keine Freude. Hat mein Roman alles nicht zugelassen. Ihm hab ich alles geopfert. Mein ganzes Glück war dieses Manuskript. Handgeschrieben. Jede freie Minute hab ich darein investiert. GONDELN AUS BLEI. Tausende von Seiten. Immer und immer wieder hab ich von vorn angefangen. War nie zufrieden. Nie, nie, nie, nie, nie! Ich wollte das TOTALE Werk. Perfektion. Ich wollte das der Welt hinknallen, und dann sollte die Welt mal sehen. Die Augen würden ihnen übergehen, den … wie sie mich all die Jahre … ich meine, ich hatte es ja wahrlich nicht leicht! Hab mich hoch gekämpft. Meine Ellbogen sind aus Stahl. Wenn Sie verstehen, was ich – nee, ich werd damit jetzt nicht wieder anfangen, keine Sorge, bleiben Sie doch da! Und ich fang bestimmt auch nicht an zu heulen! Das hab ich alles hinter mir. Steht alles in diesem Buch. Das, und noch viel mehr. Die ganze Welt ist da drin. Wissen Sie, so, wie die Welt wirklich ist. Nicht der ganze Quatsch, die Lügen, die Sie in den Medien lesen können. Bei mir gibt’s das pure Ding, die reine Wahrheit. Ist natürlich nicht so einfach zu schreiben, die Wahrheit. Das sind mühsame Destillationsprozesse. Eine Quälerei, eine Scheiße. Kennen Sie Thomas von Aquin? Dante? Bob Dylan? Die ganz, ganz mächtigen Kaliber. Keine kleine Sache, hä? Aber ich hab’s geschafft. Ja. Ich hab’s hingebracht, ich hab’s zu Papier gebracht. Und was sagt die Lektorin, diese Schlampe? Diese blöde Fotze? Was sagt sie wohl, diese Sau in ihrem beschissenen wohltemperierten Klavier, äh, Büro? Sagt die doch tatsächlich zu mir –
Ist das jetzt ein Cliffhanger, oder darf sich jeder selbst ausdenken, was sie sagt?
Aber nein! Selbst ausdenken – wo kommen wir denn da hin? Einfach ankreuzen:
a) “Danke für Ihr Manuskript; leider ist unsere Programmplanung für die nächsten zweihundertzehn Jahre bereits abgeschlossen.
b) “Selbst wenn ich Ihren Roman für gut hielte, sähe ich doch in unserem Verlagsprogramm keinen Platz für ihn. Wir haben inzwischen den Fokus auf Ratgeberliteratur, Mittelalterschinken und Fantasyromane mit Zwergen gelegt.”
c) “Haben Sie vielen Dank für Ihre Einsendung. Der Text ist dicht, gut geschrieben und intelligent. Allerdings habe ich nach knapp einem Achtzehntel des Umfangs die Lektüre eingestellt. Warum? Weil ich mich doch sehr frage, ob wir heute wirklich eine so kritische Perspektive auf unser Land gebrauchen können. Täte uns allen nicht etwas Optimismus gut? Herzlich Ihre –”
Das ist mir jetzt aber zu realistisch.
Der Roman war keine Liebe? Vielleicht hätten Sie sich besser doch an Mädchen, Partys und Saufereien halten sollen?
Ich nehme d) Aus Kummer über der Griffelei verstorben.
d) ist aber leider: “Ich habe Ihr Manuskript bis zu S. 30 gelesen. Und ich muss leider sagen: mit wachsendem Unbehagen. Ich frage mich, woher diese Düsternis der Weltsicht kommt? Und die zweite Frage, die sich bei mir herauskristallisiert hat im Laufe der Lektüre: Wäre Ihnen mit einer professionellen Therapie nicht eventuell mehr gedient als mit literarischen Verarbeitungsversuchen?”
Ja, klar ist es d)… wobei S. 30 noch ein respektabler Erfolg –