Dass ich sage, dass alles scheiße sei, heißt ja im Umkehrschluss nicht, dass ich alle, denen ich das sage, für einen Haufen beschissener verlogener feiger Arschlöcher hielte! Im Gegenteil. Manchmal denke ich, dass sich hinter dem, was heute von der Kultur der Höflichkeit (Dezenz und Freundlichkeit) noch übrig ist, schiere Verachtung verbirgt. Man hält sein Gegenüber für zu blöde und zu unbedeutend, als dass er Anspruch auf mehr hätte als den üblichen Quatsch, der so im Keller herumliegt. Das ganze Blech, mit dem man klappert, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wie gesagt, im Gegenteil: Ich denke, die Menschen haben eigentlich mehr drauf, als sie zeigen. Ich meine damit eben nicht, dass sie noch mehr performen, mehr arbeiten, sich mehr reinhängen sollten. Im Gegenteil. Bleiben wir beim Gegenteil, weil es meist dahin führt, wo man hin will, ins Gegenteil des Blöden, Bestehenden, Betonierten. Auf Kanal 23 hockt nun mal Pro7, was will man da machen? Wie sich wehren, wenn doch alles so ist, wie es ist? Kommt ja alles in Ordnung, as time goes by. Nur die Ruhe. Küsse, Gewehre, Diktatoren. Kommt alles ins Lot. Man muss sich nur das Herz öffnen, Pardon, passenderweise vielleicht mit einem Korkenzieher, den ich hier gerade finde, in der Küchenschublade, bissl aufbohren, das Herz, wo’s so kneift und blubbert … so, ansetzen, mit etwas Druck … Pressing. Ganz schön zäh, so eine Menschenhaut! Hat die Evolution ja auch ne ganze Zeit dran gearbeitet, ich schätze, das sind so … ja, 100 Millionen? 100 Millionen Jahre, kann das sein? Das sind so Zeiträume, man hört ja da immer die erstaunlichsten Zahlen. Zahlen, wo einem der Unterkiefer wegklappt, so groß sind die, so unfassbar, gigantisch, galaktisch. Aber vorstellen? Vorstellen kann man sich das doch nicht, Milliarden von Galaxien, und alle fliegen auseinander mit dem Tempo von 800.000 ICEs, die man auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt hat zwischen Fulda und Würzburg. Oder so in der Art. Wenn wir zum Beispiel so schnell wären, dann wäre alles verloren! So, jetzt sind wir drin, Haut ist offen, jetzt müssen wir uns durchs Fleisch vorarbeiten, mit behutsamen Drehungen. Die Spirale der Öffnung, aus Stahl. Die Stahlspirale der, au! Autsch! TUT das weh! Du liebe Scheiße! Was für eine schmerzhafte, perverse Prozedur, wenn man sich mal ein bisschen das Herz öffnen will … und dann ja doch auch alles Code, Verabredung, behagliches System, in dem man sich schön einrichtet mit seinen drei Punkten, in denen man das Unspezifische noch zur totalen Beliebigkeit, zum poetischen Hauch verflattern lässt.

2 Antworten »

  1. Was für ein Herz, das nicht heraus, das nicht von selbst seinen Weg finden will! Zum Herzen gehört doch immer schon, dass es den anderen mitfühlt, vielleicht auch denkt — die Prozedur zeigt, in ihrer Radikalität und Brutalität, möglicherweise wo das Problem eigentlich liegt: Dass der Zugang zum ihm verloren, unterbrochen ist, dass man ihn wieder finden, in Stand setzten muss und es dann, automatisch, nach außen drängen wird. Die bluttriefende Spirale des Korkenziehers bedeutet, der Logik des bereits eingeschlagenen Wegs weiterhin Folge zu leisten: Das Herz gilt nicht einmal mehr für einen selbst.

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